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Der Bote - Kapitel 1: Kameraden und Kampfgefährten
busy, creative
aescu
Der Bote (Kapitel 1: Kameraden und Kampfgefährten)
Fandom:
Everquest 1
Classification: adventure und etwas humor & friendship
Rating: PG-13
Wordcount: 9843
Disclaimer: Everquest gehört Sony Entertainment und das hier ist nur eine Geschichte, an der ich keinen Cent verdiene
Summary: Im Wald von Faydark treiben sich nicht nur Orks herum, sondern auch ein junger Barde aus Kelethin und ein haariger Kerl, der das Herz am rechten Fleck hat.

Es war dunkel, aber Ijo konnte als Waldelf auch hier, im dichtesten Wald den er kannte, in der Nacht genug erkennen, um seinen Weg zu finden - zumindest meistens. Heute allerdings... heute war kein guter Tag. Zwei Mal schon war er einer Orkpatrouille nur um Haaresbreite entkommen und beim Mittagessen hatte ihn ein Skelett von seinen Vorräten getrennt. Jetzt schlich er mit knurrendem Magen durch den endlosen Wald, in der Hoffnung, ein leicht verdientes Abendessen zu finden. Eine Reisegruppe, ja, das wäre ideal...

Langsam lichtete sich der Wald ein wenig. Nicht dass die Bäume so weit auseinander gestanden hätten, dass der Mond durchgeschienen hätte - nirgends im ganzen Wald konnte Tageslicht das dichte Blätterdach der gigantischen Bäume durchdringen und das ewige Zwielicht verjagen - aber dennoch machte Ijo einen schwachen Lichtschein aus. Ein Camp? Ja, dort würde er mit etwas Glück ein Abendessen bekommen. Im Austausch könnte er seine Fähigkeiten als Barde anbieten - die er nicht gerade gering schätzte. In Kelethin gehörte er zu den besten Schülern. Sein Talent war vielversprechend genug, dass man ihn alleine und voll Zuversicht weggeschickt hatte. Es war keine leichte Aufgabe, aber er würde die Barden nicht enttäuschen. In Greater Faydark, dem riesigen Wald, der er seine Heimat nannte, sollte er nicht allzu viele Probleme bekommen, falls er nicht gerade über eine zu große Horde Crushbone-Orks stolperte. Ein Ork alleine war ja keine besondere Bedrohung, zwei auch nicht, aber gegen zu viele von diesen blauen Plagen, konnte auch der beste Krieger nicht zu bestehen hoffen. Irgendwo hier, im westlichen Teil des Waldes, gab es angeblich einen Meisterbarden, der schon lange alleine in der Einsamkeit lebte. Ijo hatte den Auftrag erhalten, ihn zu finden.

Während er sich langsam dem Licht näherte, konnte er schon den Geruch von gegrilltem Reh riechen. Auch wenn das die anderen Rassen gerne behaupten, Waldelfen ernähren sich nicht nur von Beeren und Wurzeln und so lief Ijo das Wasser im Munde zusammen, als er an das wartende Mahl dachte. Sein Magen knurrte laut, als er sich leise seinen Wag durch die letzten Meter Unterholz bahnte, die ihm von dem Lager trennten. Sobald er allerdings den ersten Blick auf sein Ziel geworfen hatte, verfluchte er den heutigen Tag erneut. Der Eingang zu Crushbone! Verdammt seien die Götter und ihr seltsamer Sinn für Humor. Gerade als Ijo sich vorsichtig wieder zurückziehen wollte, hörte er hinter sich ein Rascheln. Mit seinem hastig gezogenen Schwert konnte er gerade noch den ersten Hieb parieren und verhindern, dass der kleine, drahtige Ork hinter ihm, seinem Leben ein abruptes Ende setzte. Der Alarmschrei der stinkenden Kreatur ließ sich allerdings nicht mehr unterbinden. Hier, im dichten Unterholz war der Ork eindeutig im Vorteil. Seine kleinere Körpergröße ermöglichte es ihm, sich freier zu bewegen als der Waldelf, der doch beinahe zwei Köpfe größer war. Ijo musste hier so schnell als möglich hinaus - ohne dem Ork eine allzu einladende Gelegenheit für einen tödlichen Stoß zu liefern. Die einzige Möglichkeit war, rücklings aus dem Gestrüpp heraus, direkt auf die Lichtung vor dem Eingang zu Crushbone, wo unzweifelhaft genügend Orks warteten, um ihm den Gar aus zu machen - wobei, jetzt würden sie sicher nicht mehr warten, sondern müssten jeden Moment hier im Unterholz eintreffen... Ijo sah seine einzige Chance in seiner Geschwindigkeit. Wenn er die Lichtung schnell genug überqueren konnte...

Der Waldelf ließ sich auf den Boden fallen und entging damit einem weitern Schlag des kleinen Orks, rollte den letzten Meter auf die Lichtung und sprang dann, so schnell er konnte, auf. Tatsächlich waren schon mehrere Orks - mindestens 6 - auf dem Weg zu ihm. Als sie ihren Feind erblickten, stießen sie einen lauten Schlachtruf aus, der unweigerlich mehr Orks anlocken musste. Ijo fluchte in Gedanken und rannte los, direkt auf die Orks zu. Als ihn nur mehr wenige Meter vor den blauen Gestalten trennten, stieß er einen grauenvollen Schrei aus: laut, schrill und schmerzlich, wie er es als Barde gelernt hatte. Einer der Orks lies sogar vor Schreck sein rostiges Schwert fallen, aber zwei, anscheinend Veteranen, konnte der Barde damit nicht beeindrucken. Sie holten aus und versuchten ihre Waffen in den Waldelfen zu rammen. Eine Axt konnte er mit seinem Schwert im Vorbeirennen abblocken, auch wenn er durch die Wucht danach seinen Arm kaum mehr spürte, aber der zweite Schlag durchdrang die Rüstung des Barden und hinterließ eine brennende Wunde an seiner rechten Schulter. Ijo schaffte es, nicht zu stolpern, rannte unbeirrt weiter, hinter ihm die lauten Schritte seiner Verfolger. Sein Schrei hatte weniger bewirkt, als er gehofft hatte und die Wunde an seiner Schulter würde schon bald seinen Schwertarm ermüden lassen. Und das alles ohne Abendessen... Es sah wirklich nicht gut aus.

Dann geschah etwas, mit dem weder Ijo noch die Orks gerechnet hatten. Ein Mann in Lederrüstung stürzte auf die Lichtung. Er sprang dort aus dem Unterholz, wo Ijo die Lichtung verlassen wollte. Schulterlange braune Locken und ein zerzauster Bart waren alles, was der Waldelf vom Gesicht des Unbekannten erkennen konnte. Er war mindestens zwei Köpfe größer als der Barde und weitaus breiter. In der einen Hand hielt der Mann, den Ijo als Barbar einordnete, ein langes, schlankes Schwert, das der Barde wohl mit beiden Händen führen hätte müssen und in der anderen einen verzierten Parierdolch. Er stürzte sich auf die Orks, die verwirrt zu einem Halt gekommen waren und schnitt mit seinem Schwert zwei um, bevor die anderen noch reagierten. Ijo war ebenfalls stehen geblieben, unschlüssig, ob er in den Kampf eingreifen sollte. Einer gegen vier... Der Waldelf zog sein Schwert und attackierte die Orks von der anderen Flanke. Während er sich verzweifelt gegen zwei Orks zur Wehr setzte, kam er nicht umhin, den Kampfstil des anderen Mannes zu bemerken. Viel gewandter und flinker, als er es ihm bei dieser Körpermasse zugetraut hatte, wich er den Schlägen der Orks aus, wehrte die schartigen Waffen ab und fand immer wieder eine Stelle, wo die Verteidigung schwach genug war, um seinem Schwert einen Treffer zu erlauben. Ijo kannte Barbaren nur aus Erzählungen und Bilder, aber so hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das entsprach eher den Waldelfen Kriegern und Ranger.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die verbleibenden vier Orks tot zu ihren Füßen lagen, aber Ijo sah schon die Verstärkung kommen. Der Krieger hatte sie anscheinend auch entdeckt, denn er machte sich wieder kampfbereit und sagte in der Sprache der Waldelfen: "Wenn wir die besiegt haben, schnappen wir uns das Reh und dann nichts wie weg." Ijo begann zugrinsen. Ja, so war es schon viel mehr nach seinem Geschmack.

Die entbrennende Schlacht war hart. Sie hatten es auch dieses Mal wieder mit einer dreifachen Übermacht zu tun, allerdings schienen diese Orks besser trainiert, ihre Waffen nicht ganz so schartig und ihre Rüstungen weitaus widerstandsfähiger. Die beiden Männer bluteten bald aus mehreren Wunden, von denen glücklicherweise keine wirklich ernst war. Sie waren nicht auf einander eingespielt, aber Ijo merkte rasch, dass sich ihre Kampfstile gut ergänzten. Und so fiel Ork um Ork, bis beide Männer von oben bis unten mit dem Blut der stinkenden Kreaturen besudelt waren und der Boden langsam feucht wurde. Der Barbar trieb sein Schwert dem letzten Ork durch das rechte Auge und Ijo machte sich daran, seine Klinge zumindest notdürftig zu reinigen. Nur eine gut gepflegte Klinge wird dir lange dienen, das hatten ihm die Schwertmeister eingebläut. Auch der andere Mann wischte seine beiden Waffen an den Gewändern der Leichen ab.

Ijo wartete noch einen Augenblick auf ihn und deutete dann auf das Reh, das noch immer über dem Feuer hing. "Holen wir es uns schnell, bevor die nächste Ladung Orks spielen will!" Sie rannten beide auf ihr Abendessen zu und machten sich mit großer Eile daran, einen Teil des Rehs abzuschneiden. Das ganze Reh wäre zu groß und hinderlich bei der ihnen sicherlich bevorstehenden Flucht gewesen. Tatsächlich hatten sie es gerade geschafft, die beiden Hinterläufe abzutrennen, als Ijos feine Ohren das erneute Klappen von Waffen und Rüstungen hörte. Seltsamerweise hatte auch der Barbar die Geräusche vernommen und drückte Ijo einen Teil ihrer Beute in die Hand, bevor sie los liefen. Offensichtlich waren Menschenohren doch nicht so taub, wie die Elfen immer behaupteten.

"Wohin jetzt?" keuchte er und der Waldelf runzelte nachdenklich die Stirn. Crushbone... sie befanden sich also nicht dort, wo er eigentlich angenommen hatte... Hier irgendwo in der Nähe gab es einen kleinen See. Allerdings wusste er nicht, ob Orks wasserscheu waren. Angeblich gab es in Crushbone sogar einen Fluss... Aber bei dem Gestank der blauen Plagen, konnten sie nicht oft baden gehen. "Da lang!" Ijo deutete in die Richtung, wo er den See vermutete und legte ein rascheres Tempo vor. Der größere Mann hatte offensichtlich Probleme ihm zu folgen, da er immer weiter zurück fiel. Schweren Herzens verlangsamte der Waldelf seinen Lauf wieder ein wenig, sodass der Barbar zu ihm aufschließen konnte. Keuchend aber ansonsten Stumm liefen sie viele Minuten ebeneinender her. Ijo lauschte die ganze Zeit angestrengt, ob er die verfolgenden Orks noch hören konnte, aber das laute Pochen in seinen Ohren verhinderte, dass er allzu viel wahrnahm.

Dann endlich, als sich seine Lunge anfühlte, als müsste sie jeden Moment bersten, hatten sie den See erreicht. Er war kleiner, als Ijo ihn in Erinnerung hatte, aber immer noch groß genug, dass man etliche Meter schwimmen musste, um zu Insel in seiner Mitte zu gelangen. Am Ufer ließ sich der Barbar schnaufend auf den Boden fallen und drehte sich schwerfällig auf den Rücken. Ijo hätte es ihm am Liebsten gleich gemacht, aber sie mussten die Insel erreichen. "Steh auf!" Schnaufte er atemlos. "Da drüben rasten wir!" Der Waldelf deutete auf die Insel, nicht sicher, ob der Barbar sie überhaupt sehen konnte... Moment! Wie bei allen Göttern hatte er ihm folgen können, wo doch keine der Menschenrasse in der Nacht irgendetwas erkennen konnte? Gerade als in Ijo Zweifel aufkeimten, erinnerte er sich an Erzählungen über magische Schätze. Viele von ihnen befähigten den Träger Unsichtbare zu sehen, oder eben auch in völliger Finsternis. Beruhigt streckte er dem Mann seinen gesunden Arm hin und halft ihm auf, was den Waldelfen beinahe sein Gleichgewicht kostete. Sie wateten zu zweit so weit in das Wasser, wie sie noch stehen konnten und schwammen dann zur Insel. Das Reh wurde dabei zwar auch nass, aber besser ein nasses Abendessen als gar keines.

Auf der Insel gab es ein paar niedrige Bäume und viel Gestrüpp. Die beiden Männer hatten Probleme, bis ins Innere der Insel vorzudringen, so dicht und dornig waren die Büsche, aber Ijo wusste von einem früheren Ausflug her, dass es dort einen etwa 3 mal 3 Meter großen unbewachsenen Fleck gab, der durch das Gebüsch von allen Seiten sichtgeschützt war. Als die beiden sich ihren Weg durch das Grünzeug bahnten, bemerkte der Waldelf, dass sein Retter leicht hinkte. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass er bei ihrer Flucht so zurückgefallen war. Ijo nahm sich vor, den großen Mann danach zu fragen. Immerhin war er als Barde auch ein wenig in den Heilkünsten unterrichtet worden - aber zuerst würde er diese wohl für seine eigene Schulter einsetzen müssen. Das kühle Wasser hatte den Schmerz zwar ein wenig verebben lassen, aber jetzt brannte die Schnittwunde mehr als zuvor.

Endlich hatten die beiden Männer die winzige Lichtung gefunden und ließen sich erschöpft auf den weichen Boden fallen. Ijo machte sich vorsichtig daran, seine Lederrüstung auszuziehen, um seine Schulter versorgen zu können aber schon nach wenigen Handgriffen wies ihn der anderen Mann an, sich ruhig hinzusetzen und schälte den Waldelf behutsam aus seiner Rüstung. Als Ijo dann mit nacktem Oberkörper auf der Lichtung saß, merkte er, dass es für die Jahreszeit doch noch recht kühl war. Der Barbar kramte in seinem Rucksack und holte nach wenigen Augenblicken einen Tiegel und ein paar Bandagen hervor. Ijo war froh, dass er sich nicht selbst versorgen musste. Die Anstrengungen des heutigen Tages hatten sehr an seinen Kräften gezehrt und er war sich nicht sicher, ob er das Lied der Regeneration jetzt noch richtig anstimmen konnte. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn und nur die Hand des Barbaren, die sich geistesgegenwärtig um seinen Mund legte, verhinderte, dass er laut aufschrie. Während der Mann langsam den Inhalt des Döschens auf der verletzten Schulter verteilte, traten dem Waldelfen vor Schmerz Tränen in die Augen. Doch schon als der Barbar mit gekonnten Handgriffen die Schulter bandagierte, war der stechende Schmerz und das Brennen einem dumpfen Pochen gewichen und Ijo lies sich erschöpft wieder gegen den Baum sinken. Er schloss die Augen und atmete ein paar Mal bewusst durch, versuchte sich zu sammeln und seine Aufmerksamkeit wieder auf die Welt dort draußen zu richten, wo wahrscheinlich eine Horde Orks noch immer nach ihnen suchte.

Als Ijo die Augen wieder öffnete, hatte der Mann neben ihm seine Beinrüstung ausgezogen und fluchend einen blutigen Verband freigelegt. Der Waldelf hatte also Recht gehabt, sein Retter war anscheinend schon verletzt in diese Schlacht gekommen. Vielleicht war es doch an der Zeit für sein Regenerationslied? Aller Instrumente beraubt, musste Ijo eben nur mit seiner Stimme alleine auskommen und so stimmte er die ersten Takte an, als der andere Mann plötzlich seine große Hand wieder auf seinen Mund drückte und zischte: "Bist du wahnsinnig, Waldelf?! Irgendwo ganz in der Nähe streunen Orks durch den Wald, die ihre gefallenen Kameraden rächen wollen und du willst ihnen mit deinem Gejaule den Weg zeigen?!"

Beinahe beleidigt entschlüpfte Ijo der Hand und erwiderte leise: "Mit dem Bein hast du keine Chance, ihnen nochmals zu entkommen. Ich könnte das ändern, wenn du mich nur singen lassen würdest - so nennen wir das nämlich in Kelethin!"

Der große Mann nickte und zu seinem Erstaunen stellte Ijo fest, dass er die spitzen Ohren eines Elfes hatte. "Ja, natürlich hast du es nur gut gemeint... Ich entschuldige mich für meine unfreundlichen Worte. Aber damit sollten wir bis morgen warten, einverstanden? Dann sehen wir weiter."

Der Waldelf nickte seufzend und griff nach den beiden Rehkeulen. "Abendessen?"

Der große Elf nickte grinsend und nahm das angebotene Essen, "Das ist der beste Vorschlag, den ich heute gehört habe."

Nach den ersten paar Bissen fasste sich Ijo ein Herz und stellte sich vor: "Ich bin Ijo, Barde aus Kelethin, im Auftrag meiner Gilde unterwegs. Und was treibt dich alleine hier in den Wald?"

Der große Elf wischte sich die Hand an seinen Hosen ab und reichte sie Ijo. "Othender aus Felwithe, aber du kannst mich einfach Oth nennen. Ich bin auf der Suche nach Abenteuern."

Der Waldelf starrt ihn mit offenem Mund an. Ein Hochelf?!
Oth rollte mit den Augen, als er den Blick des kleineren Elfen bemerkte. "Das mit dem Bart ist eine lange Geschichte, okay? Belassen wir es dabei..."

Ijo nickte, immer noch überrascht und fragte: "Gehörst du auch einer Gilde an?"

Aber Oth schüttelte nur den Kopf und antwortete mit vollem Mund: "Es gab da eine kleine Meinungsverschiedenheit... Ich sollte mich in nächster Zeit auch nicht mehr in Felwithe blicken lassen..."

"Falls du darüber reden möchtest..."

Oth unterbrach den Waldelfen mit einem stummen Kopfschütteln und deutete dann auf dessen Rehstück. "Iß auf und dann leg dich hin. Ich halte die erste Nachtwache."

In der Nacht hatte Ijo genug Zeit zum Grübeln, als er in die Finsternis des Waldes starrte und auf Orklaute lauschte. Ja, sein Kampfgefährte war ein Hochelf, das erkannte er jetzt bei genauerer Betrachtung. Er hatte schon von Hochelfen gehört, die Bärte trugen, allerdings waren diese äußerst selten und ausschließlich glatt. Dieser Elf hier hatte die krausen Haare eines Menschen. Und das Gesicht war nicht die einzige Stelle an der er, im Gegensatz zu den anderen Hochelfen, Unmengen von Haaren hatte. Gut, ein Barbar war sicher haariger, aber für einen Elfen war das hier auf keinen Fall normal. Ijo betrachtet das Gesicht des Hochelfen genauer während der fest schlief. Eine Narbe verlief von der Stirn über die linke Braue, nur knapp am Auge vorbei. Sie lies ihn verwegener und älter wirken. Der Waldelf nahm sich vor, Oth morgen beim Frühstück nach seinem Alter zu fragen. Nachdem der Hochelf ja auf Abenteuersuche war, konnte er doch genauso gut mit Ijo mitkommen um den Einsiedlerbarden zu suchen. Ja, er würde auch diese Frage seinem Kampfgefährten stellen. Außerdem wäre es wichtig zu erfahren, auf welche Fähigkeiten er zurückgreifen konnte. Wenn Oth ihm schon nicht seine ehemalige Gilde nennen wollte, zumindest das sollte er doch tun. Wieder nickte Ijo und machte sich dann gleich auch noch Gedanken über das Frühstück. Hier auf der Insel selbst gab es nichts Essbares und anscheinend waren auch dem Hochelfen seine Vorräte irgendwie abhandengekommen. Also suchte der Waldelf den Faden, den er in Oths Gepäck wusste, da der damit seine verletzte Schulter genäht hatte, band daran ein kleines Stückchen Fleisch, dass vom Abendessen noch übrig war, steckte noch mehr für weitere Köder ein und machte sich dann daran, wieder durch das Dickicht zum See zu gelangen.

Es war schon seit Stunden hell im Wald - zumindest so hell, wie es hier unter Tags eben wurde - und ein zartes Zwielicht lies die Nebelschwaden zwischen den dunklen Baumstämmen beinahe grün erscheinen. Ijo hatte inzwischen 4 Fische gefangen, sein blutverschmiertes Gewand gesäubert und keine Orks entdeckt. Zum andern Ufer wollte er allerdings nicht öfter als unbedingt nötig schwimmen. Das Wasser würde der frischen Wunde sicherlich nicht gut bekommen. Zum Glück waren seine Elfenaugen scharf genug, nur eben Spuren konnte er auf diese Entfernung erfahrungsgemäß nicht ausmachen. Es wunderte ihn ein wenig, dass Oth noch nicht aus dem Dickicht gekommen war. Ijo bahnte sich vorsichtig wieder seinen Weg ins Innere, in der einen Hand die improvisierte Angel, in der anderen seine Beute. Der Hochelf lag noch immer so auf der Lichtung, wie der Barde ihn verlassen hatte. Furcht stieg in ihm auf, vielleicht war er gestorben? Er legte die Fische ins Gras und ging neben seinem neuen Kampfgefährten in die Knie, legte vorsichtig eine Hand an dessen Hals und fühlte zu seiner Erleichterung einen kräftigen Puls. Allerdings musste es den großen Elfen doch stärker erwischt haben, als der Barde angenommen hatte. Ijo stupste Oth leicht an und sagt laut: "Wie magst du deinen Fisch? Roh oder roh?"

Mit einem Ächzen öffnete der Hochelf seine Augen und blinzelte den Waldelfen müde an. "Fisch...? Ah... mir tut jeder einzelne Knochen weh."

Nachdem sich Oth schnaufend aufgerappelt hatte, legte Ijo ihm grinsend einen Fisch auf den Schoß. "Ich hoffe, Hochelfen essen auch rohen Fisch. Feuer sollten wir hier keines machen."

Oth antwortete seufzend: "Wenn du wüsstest, was Hochelfen so alles machen..." Als der Waldelf ihm einen fragenden Blick zuwarf, deutete Oth nur grinsend auf den Fisch und machte sich daran, seinen aufzuschneiden.

Während Oth sein kaltes Frühstück verzehrte, beobachtete er den Waldelfen nachdenklich. Der Barde wirkte so jung, so unerfahren. Wie konnten ihn seine Gildenmeister nur alleine quer durch den Wald schicken? Zu zweit hätten sie wohl beide bessere Überlebenschancen. Aber wollte er überhaupt überleben? Oth grübelte noch eine Weile über diesen Punkt nach und beschloss dann, den Barden zu begleiten. Wenn schon Oth selbst sein Leben nicht so wertvoll erachtete, der junge Waldelf hatte es sicherlich nicht verdient zu sterben, weil ein Hochelf zu selbstsüchtig war. Während Oth seinen dunklen Gedanken nachhing, rätselte Ijo, was wohl im Kopf seines Kampfgefährten vor sich ging. Ihm war der düstere Blick nicht entgangen und ein Mal mehr fragte er sich, welcher Grund den Hochelfen wirklich aus seiner Heimatstadt getrieben hatte.

Als sie beide ihr Frühstück beendet hatten, packte Ijo die beiden verbleibenden Fische ein und machte sich daran, seine Sachen wieder zusammen zu sammeln. Es überraschte ihn ein wenig, als Oth plötzlich sagte: "Ich denke, ich werde mit dir kommen, so das nicht im Widerspruch zu deinen Anweisungen steht."

Ijo blickte mit freudigem Lächeln von seinem Rucksack auf und sagte: "Gerne! Ich denke, da draußen gibt es noch einige Orks, denen wir das Fürchten lehren müssen."

Ijo hatte Recht gehabt, wieder ein Mal. Das merkte er, als sie das Ufer erreicht hatten und triefend nass aus dem Wasser stiegen. Seine Schulter pochte schmerzlich. Die Schwimmbewegungen und das Wasser waren eine unangenehme Kombination gewesen und Othenders Wunde schien ebenfalls wieder zu schmerzen. Langsam entfernten sie sich vom dem See, Ijo voran, der hinkende Hochelf mit zusammengebissenen Zähnen hinten drein. Nachdem sie einige Minuten so durch den Wald gewandert waren, bliebt Ijo stehen und drehte sich zu seinem Gefährten um. "Bist du dir sicher, dass ich das nicht heilen soll?" Er deutete auf Oths inzwischen wieder blutgetränkten Verband, aber der Hochelf schüttelte den Kopf.

"Nein, wir sind noch zu nahe dran. Wir müssen noch mindestens eine Stunde gehen."

Ijo nickte, hatte er doch eine ähnliche Antwort erwartet. "Stütz dich auf mich, dann sind wir schneller." Der Waldelf dankte Tunare dafür, dass die Verletzung an Oths rechtem Bein war und er sich somit auf die gesunde Schulter des kleineren Waldelfen stützte. Auch so dauerte es nicht allzu lange und Ijo war sich sicher, etliche blaue Flecken von dem Hochelfen davon zu tragen. Ach, wie konnte ein Hochelf nur so schwer sein?

Als Ijo der Meinung war, dass die Stunde um sei, blieb er stehen und Oth sank erschöpft auf den Boden. Der Hochelf schien am Ende seiner Kräfte zu sein und protestierte nicht, als der Barde zu singen begann. Beide saßen sie schweißgebadet am kühlen Waldboden, Ijo sang hochkonzentriert und Oth hatte sein Schwert gezogen, neben sich auf den Boden gelegt und war bereit, jederzeit aufzuspringen und Orks - oder andere Angreifer - in die Flucht zu schlagen. Lange saßen sie so am Boden, an einen Baum gelehnt, bis Ijo sein Lied beendete. Seine Stimme war heiser und seine Kehle ausgedörrt. Sein Wasserschlauch war ebenfalls Beute des Untoten geworden, aber er wusste, dass der Hochelf einen vollen Wasserschlauch bei sich führte. Er wollte ihn um einen Schluck bitten, musste aber feststellen, dass dieser, mit dem Schwert über seinen Knien, eingeschlafen war. Grinsend holte Ijo den Wasserschlauch aus dem Gepäck seines Gefährten und setzte sich wieder neben ihm an den Baum. Eine Stunde Rast würde schon nicht schaden. Mit seinen scharfen Ohren sollte er die Orks schon von weitem hören können.

Als Othender wieder aufwachte, war die Stunde erst zur Hälfte um. Irritiert blickte sich der Hochelf um. Er hatte geträumt... er hatte Geträumt! Das hieß, er war eingeschlafen! Das durfte nicht passieren, ihre Verfolger konnten jeden Augenblick hier auftauchen! Als Oth sich aufrappelte und erstaunt feststellte, dass die Schmerzen in seinem Bein so weit nachgelassen hatten, dass er es wieder normal belasten konnte, erhob sich auch Ijo und sagte beruhigend zu dem offensichtlich aufgeregten Hochelfen: "Du hattest die Pause bitter nötig. Und fang nicht wieder mit den Orks an. Falls sie noch hinter uns her sind, dann hätte ich sie rechtzeitig gehört und wenn wir keine Pause gemacht hätten, wärst du wohl nach wenigen Metern zusammengeklappt. Und ich kann dich nicht tragen... Jetzt können wir den restlichen Tagesmarsch hinter uns bringen - wenn es dein Bein zulässt."

Oth atmete tief durch und nickte. Der Waldelf hatte ja recht, sich deswegen aufzuregen war sinnlos. Stattdessen machte er sich neugierig daran, den blutigen Verband abzuwickeln. Die Wunde darunter hatte begonnen zu heilen, aber nicht so schnell, wie Ijo es eigentlich erwartet hätte. Auch der Hochelf war erstaunt und fragt den Barden mit gerunzelter Stirn: "Wie hast du das Gift neutralisiert?"

"Gift?"

Oth nickte und kramte aus seinem Rucksack frische Bandagen heraus, die er mit geübten Handgriffen anlegte. "Ja, Gift. Ein paar von diesen bescheuerten Pixies haben mich angegriffen. Ihre Dolche waren vergiftet."

Der Waldelf musterte seinen Gefährten zweifelnd und sagte dann langsam: "Pixies greifen keine Elfen an. Und soweit ich weiß, ist das Gift tödlich, wenn man nichts dagegen unternimmt. Warum hast du gesagt, du begleitest mich, wenn du gewusst hast, dass du es nicht mehr bis zum Ziel schaffen wirst?"

Oth war inzwischen fertig und antwortete seufzend: "Erstens habe ich den Pixies nichts getan, dennoch haben sie mich attackiert. Ich weiß nicht, vielleicht hat man ihnen Dinge über mich erzählt, die nicht stimmen, vielleicht waren sie einfach nur tollwütig... Und zweitens war mir klar, dass ich sterben werde, aber das Gift wirkt langsam. Ich hätte dir noch einige Tage gegen die Orks und sonstige Bestien hier helfen können, bevor du mich zurücklassen hättest müssen."

Als der Hochelf merkte, dass der Barde noch immer nicht überzeugt war, sagte er: "Komm, das können wir auch beim Gehen besprechen. Ich will nicht, dass wir unsern Vorsprung verlieren." und ging los.

Ijo schaute ihm einige Sekunden nach, zuckte dann mit den Schultern und eilte ihm nach. Vielleicht hatte der Hochelf ihm nicht alles erzählt. Aber sie kannten sich noch nicht Mal einen Tag. Er konnte nicht erwarten, dass sein Begleiter ihm seine tiefsten Geheimnisse und seine Lebensgeschichte anvertraute. Vielleicht sollte er den ersten Schritt machen... Achja, die Fragen, genau...

Zwei Tage später erreichten die beiden Elfen die hohen Säulen, des Wizard-Portals. Die Reise war ereignislos verlaufen, die Orks hatten die Verfolgung anscheinend aufgegeben und so konnten sich die beiden Männer die Zeit mit Erzählungen vertreiben. Ijo hatte dem Hochelfen viel von sich berichtet. Er hatte von seiner Familie erzählt, davon, wie es ist, hoch oben zwischen den Bäumen aufzuwachsen. Oth hatte erfahren, dass Ijo von seinem Vater schon früh im Schwertkampf unterrichtet worden war und das passte gut mit seiner eigenen Beobachtung des Waldelfen zusammen. Natürlich war ihm aufgefallen, wie geübt der Barde mit seiner Waffe umging, wie gekonnt er die Schwächen der Verteidigung nutzte, um seinen Gegner wieder und immer wieder zu Treffen. Was Oth allerdings überraschte, war die Tatsache, dass der Waldelf gar nicht so jung war. Ijos Geburtstag musste schon etwa so lange zurückliegen, wie sein eigener. Ijo hatte dem Hochelfen sein Leid über sein Aussehen geklagt. Die Kriegergilde hatte ihn wieder nach Hause geschickt, als er sich dort bewerben wollte und auch den Rangern war er `zu jung` gewesen. Einzig die Barden wollten es mit ihm versuchen. Ijos Vater war darüber sehr enttäuscht gewesen und der Meinung, dass sein Sohn sich einfach nicht genügend angestrengt hatte. Seit damals gab es ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen den beiden. Ijo hatte den Auftrag der Barden ohne viel nachzudenken angenommen, wahrscheinlich, um den ewigen Vorwürfen zuhause zu entgehen, vermutete der Hochelf.

Ijo hingegen hatte kaum etwas über Oth erfahren. Der haarige Hochelf war eher schweigsam. Er schien die Erzählungen das Barden zwar zu genießen, lauschte jedem einzelnen seiner Worte, wenn es allerdings an ihm war, etwas von sich preiszugeben, kam Ijo immer nur kurze Episoden über verschiedene Einwohner Felwithes zu hören. Der Waldelf war beinahe ein wenig frustriert darüber. Der Krieger war ihm sympathisch, er wollte ihn gern besser kennen lernen, aber dazu gehörte doch auch die Vergangenheit.

Je nähe die beiden dem Gate kamen, desto unruhiger und vorsichtiger wurde Othender. Ijo hatte diese Veränderung schon bald bemerkt, allerdings nichts gesagt. Er konnte sich den Grund eigentlich denken. Der Krieger hatte ja erwähnt, dass er sich in Felwithe nicht mehr so schnell blicken lassen sollte. Hier, rund um die vier hohen Steinsäulen, gab es immer wieder Hochelfenpatrouillen, die genau überprüften, wer Faydwer auf diese Art und Weise betrat. Noch waren die beiden keinem solchen Trupp begegnet, aber die Chance, an ihnen vorbei zu schlüpfen waren sehr gering.

Und tatsächlich stellten sich schon bald zwei Hochelfen in glänzender Rüstung und zwei berobte Magiekundige in ihren Weg. Ein Hochelf mit kurzen blonden Haaren und einer dunkelgrünen, fast schwarzen Robe forderte sie auf, stehen zu bleiben. "Nennt Eure Namen und den Grund für Eure Reise!" Ohne zu zögern antwortete Ijo: "Wir sind im Auftrag der Bardenvereinigung von Faydwer und Antonika unterwegs. Mein Name ist Ijo Woodwind und das ist mein Kampfgefährte..." Oth unterbrach ihn und sagte, während er sich tief verneigte: "Shamus Felligan, zu diensten." Seine Stimme war jetzt mindestens eine Oktave tiefer als sonst und die Worte durch einen starken Akzent verstümmelt.

Die Hochelfenpatroullie musterte die beiden Reisenden misstrauisch, lies sie aber dann ohne Probleme passieren. Als sie ein gutes Stück außerhalb der Reichweite der Hochelfen waren, blieb Ijo stehen und drehte sich zu Othender um. Er bemerkte erstaunt, dass sein Kampfgefährte einen einfachen Lederhelm trug, der seine spitzen Ohren verhüllte und vom Gesicht praktisch nur mehr den lockigen Bart zeigte. Als Oth den Blick des Hochelfen bemerkte, nahm er sich das Ding rasch ab und stopfte es verlegen wieder in seinen Rucksack.

"Warum hast du sie belogen und einen falschen Namen genannt?" wollte der Barde wissen. Seinem Tonfall entnahm der Hochelf, dass sein Kamerad wohl nicht nur erstaunt darüber war. Den verärgerten Unterton konnte man beim besten Willen nicht überhören.

Oth antwortete seufzend: "Ich weiß nicht, ob du nicht Probleme bekommen hättest, wenn sie mich erkannt hätten..."

"Aber du kannst sie doch nicht einfach belügen!" antwortete der Waldelf entrüstet, "Damit bist du nicht besser, als die ganzen Diebe und Wegelagerer, die sich hier herumtreiben würden, wenn es diese Patrouillen nicht gäbe!"

Othender nickte. So naiv diese Ansicht auch war, der Barde hatte damit schon irgendwie recht und das gefiel dem stämmigen Hochelfen überhaupt nicht. "Ja, ich weiß, dass das falsch und eines Hochelfen nicht würdig war, aber ich bin inkognito unterwegs und das hat gute Gründe. Auch wenn es nicht die richtige Lösung war, war es doch die einzige. Ich möchte mit keinem von meinem Volk die Klingen kreuzen, wenn es sich vermeiden lässt." Der Barde wollte zu einer hitzigen Antwort ansetzen, aber Oth brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und fuhr fort: "Es tut mir leid, dass ich dir die ganze Geschichte nicht erzählen kann, du scheinst ein wirklich netter Kerl zu sein und das Herz am rechten Fleck zu haben, aber wir kennen uns wahrlich noch nicht lange genug für solch einen Schritt. Es tut mir ebenfalls leid, wenn du durch diese Tat ein falsches Bild von mir bekommst, aber dagegen kann ich zurzeit nichts tun." Mit diesen Worten marschierte der Hochelf weiter und Ijo folgte resigniert.

Die nächsten zwei Tage beobachtete Ijo seinen Gefährten sehr genau. Er wollte hinter das Geheimnis das bärtigen Hochelfen kommen und wenn der nicht von selbst zu reden beginnen wollte, so musste er sich eben auf seinen Instinkt und seine Wahrnehmung verlassen. Ob Oth das bemerkte oder nicht, er verhielt sich nicht anders als bisher. Ijo allerdings hatte immer ein wachsames Auge auf seinen haarigen Gefährten, selbst während der Nachtwache beobachtete er weiter. Oth schien öfters pro Nacht böse Alpträume zu haben und murmelte immer wieder Tunares Namen - wenigstens war noch nicht alle Hoffnung verloren, dachte Ijo beruhigt. Der Barde fand es außerdem interessant, dass sein Gefährte eine Lederrüstung trug, wie sie sonst nur Druiden, Ranger oder Barden bevorzugten. Allerdings war der Rucksack das Hochelfen verdächtig schwer... Ijo betrachtete zwar die Lederrüstung genauer - und kam zu dem Schluss, dass sie waldelfisches Handwerk sein musste - aber er hatte doch Skrupel, in den Habseligkeiten seines Gefährten zu stöbern. So blieben ihm nur die kurzen Augenblicken, wenn Othender etwas aus seiner Tasche holte, um deren Inhalt mit mäßigem Erfolg zu erspähen.

Entweder war die Gefährlichkeit des Giftes der Pixies deutlich übertrieben, oder aber Ijos Lied der Regeneration hatte sein Fortschreiten empfindlich verlangsamt. Othender hinkte zwar immer noch leicht und der Barde fand, dass der Hochelf deutlich mehr Schlaf benötigte, als er es von einem seiner Rasse erwartet hätte, aber immerhin war er noch nicht tot umgefallen.

Am Mittag des dritten Tages lichtete sich der Wald so weit, dass die dahinter liegenden Hügel langsam sichtbar wurden. Ijo war sich nicht ganz sicher, an welcher Stelle sie den Wald verließen, es gab mehrere Wege hinaus in das Hügelland und so beschloss er, dass sie dem Weg noch eine kurze Strecke folgen würden, bis er sich orientieren konnte.

Am Fuße eines der unzähligen Hügel, im Schatten einer kleinen Baumgruppe, machten die beiden eine Rast und berieten ihr weiteres Vorgehen. Ijo wusste ungefähr, wo er den Meisterbarden suchen musste. Angeblich wohnte er am Waldrand, wahrscheinlich nördlich von hier, aber der Waldelf war sich noch nicht ganz sicher, wo die beiden das Hügelland betreten hatten. Othender bereitete gerade das Mittagessen vor, als Ijo plötzlich schwindlig wurde. Er fühlte, wie ihm kalter Schweiß ausbrach und er zu zittern begann. Oth schien es noch schlimmer erwischt zu haben, denn er taumelte gegen den Baum, an dessen Stamm sie Rast gemacht hatten und war kalkweiß geworden. Ijo bildete sich ein, ein leise Lachen zu hören - vielleicht hielt sich hier ein bösartiger Magiekundiger versteckt, der mit ihnen seine Spielchen treiben wollte...? Der Waldelf versuchte seine Gedanken zur Ordnung zu zwingen, während Othender zusehends verfiel. Sobald ich meinen Bogen spanne, weiß der feige Angreifer, dass ich weiß, dass da wer ist... Er muss ein Geräusch machen, damit ich weiß, wo er sich versteckt... Dann kam dem Barden ein Einfall. Er griff nach seinem Bogen und richtete ihn auf seinen Gefährten, der gerade seine letzte Mahlzeit wieder ans Tageslicht beförderte, und rief: "Was hast du gemacht? Hast du mich verhext?!"

Ijos Worte drangen nur undeutlich an sein Ohr, das Sprechen fiel ihm schwer, aber ihr Peiniger hatte den Köder anscheinend geschluckt und als Oth ein weiteres Mal gegen den Baum taumelte und endgültig zu Boden ging, nahm Ijo das Kichern wieder wahr. Es kam aus dem Baum gegenüber. Einen Wimpernschlag später kippte eine kleine, berobte Gestalt aus dem Geäst, durchbohrt vom Pfeil des Barden. Leider ließ das Schwindelgefühl und der Schüttelfrost nicht nach. Zu allem Überdruss erhoben sich Knochen, die neben dem Baum gelegen hatten und denen weder Ijo noch Oth besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatten, und formten ein etwa elfengroßes Skelett, das sich sofort auf den Barden stürzte. Der Waldelf zog sein Schwert in dem Wissen, dass es eine denkbar ungünstige Waffe gegen diese Art von Untoten war und verhinderte, dass das Skelett mit seiner Sense den Kopf des jungen Barden abschnitt. Beinahe panisch blickte er sich um, während er Schlag für Schlag parierte, und versucht eine bessere Waffe zu entdecken. Eine Keule... oder... Othenders Rucksack! Der war sicherlich schwer genug, um dem Skelett zumindest unangenehm zu werden. Ijo blockte einen weiteren Hieb der feindlichen Waffe ab und packte dann mit beiden Händen den Rucksack. Mit aller Kraft, hieb er auf das Skelett ein, das daraufhin in seine einzelnen Knochen zerfiel. Rasch beförderte der Barde die tödliche Sense aus der Reichweite des Untoten, der sich langsam wieder erhob und nun mit knöchernen Fäusten auf Ijo losging. Der Waldelf hieb mit dem Rucksack wie wild auf das Skelett ein, bis es zum zweiten Mal in seine Einzelteile zerlegt am Boden landete. Dieses Mal wartete Ijo nicht, bis es sich wieder aufrichten würde, sondern sprang mit seinem ganzen Gewicht auf den Schädel des Untoten, der in tausend Einzelteile zerbarst. Die bösartige Magie schien gebrochen, denn das Skelett erhob sich kein weiteres Mal. Ijo taumelte wieder zu seinem Gefährten zurück, der regungslos am Boden lag und lies sich zwischen ihrem Gepäck zu Boden sinken. Er musste diesen Fluch brechen, irgendwie loswerden und das schnell! Der Barde fühlte, wie er mit jedem Atemzug schwächer wurde. Selbst wenn der Zauber sie nicht umbringen würde, so wären sie doch eine leichte Beute für jedes andere Wesen, das sie zufällig finden würde. Ijo versuchte das Lied der Regeneration anzustimmen, musste aber schon nach den ersten Lauten feststellen, dass er nicht mehr zu Gesang fähig war. Vielleicht hatte Oth ja noch etwas Brauchbares in seiner Tasche! Er hatte immerhin auch dieses Döschen mit Heilsalbe gehabt. Der Waldelf packte den Rucksack seines bewusstlosen Kameraden und leerte dessen Inhalt auf die Wiese. "Moin, ihr zwei." Eine tiefe Stimme, ganz in der Nähe ließ den Barden erschrocken aufschauen, was von einem heftigen Schwindelanfall begleitet wurde. Neben dem toten Magiekundigen stand ein Zwerg in voller Plattenrüstung. Er hatte den Leichnam anscheinend untersucht, ohne von Ijo bemerkt zu werden. Was auch immer der Gnom ihm angehext hatte, verschleierte seine Sinne dermaßen, dass er trotz lautem Plattenpanzer die Ankunft des Zwerges nicht gehört hatte.

"Hat der Nekro mit euch angeeckt?"

Natürlich, ein Nekromant! Dann hatte das Skelett natürlich auch zu ihm gehört und den Tod seines Meisters rächen wollen. Und Nekromanten waren auch Meister der Flüche und Krankheiten. Der Barde nickte mit verbittertem Gesichtsausdruck. Dann würden sie wohl schon bald sterben, falls nicht zufälligerweise ein Heiler des Wegs kam.

Der Zwerg schlenderte zu den beiden Elfen und entdeckte die Lacke Erbrochenem neben dem Hochelfen. "Hat euch der Gnom verhext? Kann ich euch helfen?"

Ijo versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. War es normal, dass Zwerge Elfen einfach so das Leben retteten? Aber in seinem Kopf war nur mehr buntes Chaos, die Gedanken trieben in wogenden Fäden dahin und ließen sich nicht mehr unter Kontrolle bringen.

Teil 2 »

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