Previous Entry Share Next Entry
Der Bote - Kapitel 1: Kameraden und Kampfgefährten
default
aescu
«Teil 1
Als sich Ijos Augen wieder öffneten, blinzelte er in das helle Licht der strahlenden Sonne. Langsam rappelte er sich auf, während dunkle Erinnerungsfetzen wieder zum Vorschein kamen. Ein Kampf... gegen einen Nekromanten... der tödliche Fluch... Voller Sorge drehte er sich zu seinem Gefährten, erwartete halb einen toten Hochelfen zu erblicken, halb ein leer geräumtes Camp zu entdecken, aber nichts davon war der Fall. Ijo sah gerade noch, wie der Zwerg, der neben Othender kniete, einen Zauber auf den Elfen wirkte und dann damit begann, ihm einen Verband um den Kopf zu wickeln, während der Hochelf langsam wieder an Farbe gewann. Als der Zwerg damit fertig war, stand er wieder auf - und war so kaum größer als im Knien, was Ijo schmunzeln ließ - und stapfte zurück zu dem Waldelfen. "Sieht so aus, als hätte euch der Wicht ordentlich erwischt." Er setzte sich vor dem Barden ins Gras und plapperte weiter: "Ich bin Kerm Hammerhand, Paladin aus Kaladim. Ich komm' grad aus Lesser Faydark, warst du schon 'mal dort? Grauenvoller Wald, wirklich... Ja, ich weiß, ihr Elfen liebt die Bäume, aber glaub mir, dort würdest selbst du dich unwohl fühlen. Was da für Viecher rumlaufen... Eigentlich wollten wir ja ein paar Dunkelelfen verhauen. Angeblich haben dort ein paar ihr Lager aufgeschlagen." Ijo blickte den Zwerg bei diesen Worten entsetzt an - Dunkelelfen, so nahe? - aber der Zwerg quasselte unbeirrt weiter. "Leider sind wir nicht mal bis dorthin gekommen. Ich war noch mit zwei weiteren Kumpels unterwegs. Gram, ein Krieger und Merto, ein Priester Brells. Tja, Merto musste ich in dem verfluchten Wald begraben und Gram hab ich bis nach Felwithe geschleppt, wo die besten Heiler wahrscheinlich noch immer um sein Leben kämpfen. Dieser verdammte Maulesel von einem Einhorn hat uns aufgelauert. Keine Chance gegen das Vieh. Und weit und breit natürlich auch kein Priester zum Wiederbeleben zu finden... Ein paar Stunden später und ihr hättet wahrscheinlich auch einen gebraucht. Sag mal, junger Elf, seid ihr beide im Auftrag des Hochelfenkönigs unterwegs?" Von der abrupten Frage überrascht, blickte Ijo den Zwerg verwirrt an, worauf dieser auf einen goldenen Gegenstand im Gras zeigte und weiter plapperte: "Naja, mir ist das Ding da aufgefallen... Das Abzeichen der Ehrengarde - keine Sorge, ich werd's niemandem weiter erzählen. Dann habt ihr wohl auch einen wichtigen Auftragt, war der Gnom deswegen hinter euch her?" Ijo kam gerade dazu, mit den Schultern zu zucken, als er den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, war der Zwerg schon wieder am Reden: "Dann solltet ihr euch vielleicht besser ein wenig bedeckt halten. Hier kommen oft Reisende vorbei. Komm, ich helf dir, eure Sachen vom Weg weg zu bringen. Da hinten ist eine Senke, da könnt ihr rasten, ohne dass man euch gleich entdeckt." Kerm wartete nicht auf eine Antwort des Elfen, sondern rappelte sich schnaufend wieder auf, packte Othender an den Füßen und schliff den großen Hochelfen, der noch immer bewusstlos war, mit einer Leichtigkeit hinter sich her, die Ijo trotz der Geschichten, die er über Zwerge schon gehört hatte, niemals für möglich gehalten hätte. Der Barde sammelte rasch die verstreuten Gegenstände wieder ein und kam dann mit dem Gepäck und den Waffen hinter her. Der Zwerg ging noch ein mal zurück, um den Leichnam des Gnoms zu 'versorgen', wie er es nannte und Ijo vermied tunlichst, auch nur einen zufälligen Blick darauf zu erhaschen. Wenige Minuten später tauchte Kerm wieder in der Senke auf und drückte Ijo einen Beutel in die Hand. "Ich würde ja gerne noch länger bleiben und mit euch plaudern, aber ich muss so schnell als möglich nach Kaladim zurück und Bericht erstatten. Passt auf euch auf!" Mit diesen Worten machte der kleine Paladin kehrt und kletterte wieder zum Weg hinauf, wo ihn Ijo schon bald aus den Augen verloren hatte.

Es dauerte noch über eine Stunde, bis sich der Hochelf wieder regte. Ijo saß noch immer mit dem Beutel in der Hand, den ihm der Zwerg gegeben hatte, ohne auch nur einen einzigen Blick hinein geworfen zu haben und war tief in Gedanken versunken, während er seinen Kampfgefährten nachdenklich musterte. Die Hochelfische Ehrengarde also... dann war Othender wohl ein desertierte Paladin. Warum hatte er die vergiftete Wunde an seinem Bein nicht selbst geheilt? War er vielleicht gar ein gefallener Paladin, hatte er Tunares Gunst und damit seine magischen Kräfte verloren? Das würde erstens erklären, warum er nicht über das Vorgefallene sprechen wollte und zweitens weshalb er von keinem Hochelfen erkannt werden wollte.

Als Othender die Augen wieder aufschlug und in den hellen Himmel blinzelte, hatte Ijo etwas entdeckt, dass ihm einen kalten Schauer den Rücken hinunter jagte. Eine Dunkelheit, so finster und abgrundtief, wie er sie noch nie erblickt hatte. Sein Kampfgefährte trug sie in sich! Der Waldelf nahm sich entsetzt vor, den großen Hochelfen noch wachsamer zu beobachten. Was ihn aber noch weitaus mehr verstörte, war die Tatsache, dass es eben diese Finsternis war, die auf ihn selbst eine durchaus wahrnehmbare Anziehung ausübte. Irgendwie fühlte er sich zu Othender hingezogen!
Manchmal gewährte Tunare ihren Anhängern die Gabe der Einsicht. Die meisten mussten viele Jahrzehnte dafür beten, große Opfer bringen und der Herrin ihr gesamtes Leben widmen, bevor sie diese seltene Gunst walten lies. Ijo selbst hatte bisher nur Geschichten darüber gehört und noch niemanden getroffen, die die Fähigkeit besaß, die Auren der anderen Lebewesen lesen zu können. Umso erstaunter war er, als der haarige Hochelf plötzlich von einem Farbenspiel umgeben war, das sich der junge Barde nicht anders erklären konnte. Er hatte soeben einen Blick auf die Aura seines Kameraden erhascht. Eine dunkle Aura, durchwoben von Geheimnissen, gefärbt mit Gefahr und Wahnsinn, Hingabe, Loyalität und Liebe.

Während Ijo seinen Kameraden mit einem Blick anstarrte, der an pure Panik grenzte, setzte sich dieser mit einem grunzenden Geräusch auf und blickte sich desorientiert und ein wenig weggetreten um. "Ijo, was ist los?" fragte er nach einigen Sekunden. "Mein Kopf fühlt sich an, als hätte eine Horde Orks darauf herumgetrampelt und ich hab einen Geschmack im Mund, als hätte ich in einen hineingebissen. Was schaust du mich so entsetzt an?" Ein grauenvoller Verdacht keimte in dem haarigen Hochelfen auf und so rasch es ging, rappelte er sich auf. Oth zog sein Schwert, allerdings klebte da kein frisches Blut daran. Leider war das noch keine Garantie, dass er nicht... Er warf das Schwert von sich und rief: "Ijo, was ist geschehen?! Was habe ich getan?!" Dieses Mal war es an dem Hochelfen, beinahe der Panik zu verfallen. Der Barde richtete seinen Blick auf das Gesicht seines großen Kameraden und sagte langsam und mit unnatürlich ruhiger Stimme: "Ich glaube, es gibt da etwas, das du mir erzählen solltest, Othender. Du hast nichts gemacht. Ein Gnomnekromant hat uns beinahe getötet, aber mein Pfeil war schneller als sein Gift. In finde es allerdings interessant, dass du als erstes denkst, du hättest etwas getan, etwas Böses, wie ich annehme. Erzähle mir, was dich dazu bringt." Der letzte Satz war keine Bitte mehr, es klang wie der Befehl von jemanden, der keine Widerrede dulden würde.

Der Hochelf ließ sich seufzend wieder ins Gras sinken und mied den Blick seines Kampfgefährten. "Ab und zu überkommt es mich... In Manchen von uns brennt das Schwarze Feuer... Und dann muss ich jemanden töten." Das war also das Geheimnis - nein, nicht das ganze und sicherlich auch nur die halbe Wahrheit, aber Ijo nickte. Ja, es passte zu dem, was er gespürt hatte, als er einen Augenblick lang in die Seele seines Kampfgefährten gesehen hatte. Dieser dunkle Sog, mit einer Anziehungskraft, wie der verführerische Gesang einer Sirene. Er konnte beinahe fühlen, wie Othender dagegen ankämpfte, mitgerissen zu werden. "Ich habe es unter Kontrolle... meistens..." Die Stimme des Hochelfen klang so, als wäre er den Tränen nahe. "Wenn du lieber alleine weiter reisen willst, dann versteh ich das..." Ijo machte schon den Mund auf, um zu antworten, als sich seine Gedanken plötzlich überschlugen. Es musste einen Grund geben, dass sie aufeinander getroffen waren, nein, das konnte kein Zufall sein. Genauso wenig, wie diese seltsame Anziehung zwischen den beiden. Also stand der Waldelf auf und ging vor seinem Gefährten in die Knie. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, worauf Othender den Kopf hob und Ijo tatsächlich Tränen in seinen Augen glitzern sah. War das, weil er glaubte, versagt zu haben, oder weil er davon ausging, dass ihn der Barde wegschicken würde? Konnte auch Oth diese zarte Verbindung spüren, die zwischen ihnen beiden bestand? "Es ist nichts geschehen. Jeder von uns hat seine persönlichen Dämonen, die er im Zaum halten muss." Ijo wunderte sich beinahe, dass ihm diese Worte so leicht von den Lippen kamen. Es war beinahe so, als würde er jemand anderem beim Sprechen zuhören. "Wenn du sagst, dass du dich unter Kontrolle hast, werde ich nicht an deinen Worten zweifeln. Viele Elfen, die ich bis jetzt getroffen habe, konnten das nicht von sich selbst behaupten. Wir wurden von einem bösartigen Gnom überfallen. Er hat versucht uns zu töten und obwohl sowohl er als auch sein untoter Diener durch meine Hand gefallen sind, wäre es ihm dennoch beinahe gelungen. Ein Zwerg kam glücklicherweise des Wegs." Bei seinen nächsten Worten musterte Ijo seinen Gefährten ganz genau um seine Reaktion zu erkennen. "Ein Paladin, der uns geheilt hat." Keine Reaktion zu entdecken. Diese verfluchten Haare machten es beinahe unmöglich, die Mimik des Hochelfen richtig zu erkennen. "Ich habe die Brosche gesehen." Die Augen des Hochelfen richteten sich wieder auf seinen Gefährten und Ijo sah darin heiße Wut emporsteigen. Rasch fuhr er fort: "Ich habe in deinen Sachen nach einem Trank oder ähnlichem gesucht, der uns vor dem sicheren Tod bewahren könnte. Ich wollte nicht stöbern, aber ich hatte keine andere Wahl." Die Wut war nicht verschwunden, aber der Elf nickte stumm. Ijo hatte sich eigentlich eine Erklärung erhofft, aber der Hochelf dachte gar nicht daran, noch etwas zu dem Thema zu sagen. "Oth, bist du ein Paladin? Ich weiß, dass mich das eigentlich nichts angeht, aber es wäre wichtig für mich, das zu wissen, wenn wir wieder in eine ausweglose Situation geraten. Ich möchte nur wissen, auf welche Fähigkeiten du zurückgreifen kannst."

Der große Elf atmete tief durch und Ijo sah, wie er mit sich kämpfte. Der Barde dachte fieberhaft nach, wie er den Hochelfen dazu bringen konnte, sich richtig zu entscheiden, dazu, ihm jetzt möglichst viel zu erzählen. Aber plötzlich war die Wut gänzlich aus Othenders Augen verschwunden. Stattdessen konnte der Waldelf blanke Furcht erkennen.

"Tunare steh uns bei!" Othender packte sein Schwert, rappelte sich schwankend auf und zog Ijo brutal mit auf die Beine. "Wir müssen hier weg!" Der Barde blickte ihn verständnislos an. "Aber der Zwerg meinte, hier ist es sicher... Ich dachte, wir können hier gleich übernachten..."

"Es ist mir egal, was der Zwerg gesagt hat!" Unterband der Hochelf jeglichen Protest. "Wir gehen jetzt. Pack deine Sachen zusammen und beeile dich dabei!"

Ijo bemerkte, wie der Hochelf nervös immer wieder gen Norden blickte. Aber der Barde konnte nichts entdecken. Auch nicht, als sie wieder aus der Senke kletterten. Othender rannte beinahe Richtung Süden und trieb den Waldelfen dazu an, schneller zu gehen. Als die beiden Stunden später völlig erschöpft ihr Nachtlager am Rande des Waldes aufschlugen, hatten sie die Horden von Untoten nicht gesehen, die in ihre Richtung gewandert waren. Nur wenige Stunden Fußmarsch entfernt waren die Hügel bedeckt von einem tausende Wesen zählenden Heer, das zu Regungslosigkeit erstarrt auf weitere Befehle wartete.

Eine unruhige Nacht lag hinter Oth und so hatte er dunkle Ringe unter den Augen, als er sich erhob. Auch wenn Elfen am wenigsten Schlaf von allen Rassen benötigen, ganz ohne ging es nicht und zusätzlich zu dem Gift, das ihn noch immer schwächer machte, als ihm lieb war, war der letzte Tag sehr anstrengend gewesen. Ijo hatte nichts von dem bemerkt, was den Hochelfen so verängstigte, allerdings war Othender oft genug in der Wache das Barden hochgeschreckt und hatte auf irgendwas gelauscht, das der Waldelf nicht wahrnehmen konnte. Ijo hatte schon genug von der Welt gesehen, um den Hochelfen nicht für verrückt zu halten und so waren sie beide besonders vorsichtig, als sie am Morgen ihre Reise fortsetzten. Ab und zu verlangte Othender von dem kleineren Waldelfen, dass er auf einen Baum kletterte und die Umgebung absuchte. Nach was genau, konnte er nicht sagen, aber ein Mal glaubte Ijo etwas in der Ferne zu erblicken, im Norden. Dort schien das Grün der grasbewachsenen Hügel verblasst zu sein. Der Barde hätte das sicherlich als optische Täuschung abgetan, aber Othender wurde so nervös, dass auch Ijo sich zu fragen begann, was dort hinten wirklich los war.

Einen weiteren vollen Tagesmarsch benötigten die beiden, bis der Waldelf verkündetet, dass sie sich schon ganz in der Nähe des Einsiedler befinden mussten. Er wusste nicht, wo genau sich der Barde zurückgezogen hatte und er befürchtete, dass er inzwischen zu scheu geworden war, um sich den beiden offen zu zeigen. Als er Oth seine Gedanken mitteilte, beschlossen die beiden, eine längere Rast zu machen. Anscheinend war der Hochelf weit genug von den seltsamen Geschehnissen im Norden entfernt, denn er schien sich keine Sorgen mehr zu machen. "Was hältst du davon, wenn wir etwas Gutes kochen? Ich glaube zwar nicht, dass wir einen Einsiedler mit köstlichem Bratenduft aus seiner Höhle locken können, aber einen Versuch wäre es wert. Ich organisiere einen Hasen oder ähnliches und du suchst Beeren und Gewürze?" Ijo nickte grinsend. Ja, ein gutes Mahl wäre jetzt genau das Richtige und da er wusste, dass die meisten Barden dem Genuss nicht gerade abgeneigt waren, teilte er auch nicht Oths Ansicht, dass dieser Versuch fehlschlagen musste.

Während Ijo gebückt den Waldrand absuchte, warf er ab und zu einen Blick auf seinen Kampfgefährten. Die Art, wie er Hasen jagte, faszinierte den Barden. Othender stand aufrecht und völlig bewegungslos mit geschlossenen Augen einige Meter entfernt in der Graslandschaft. Das Schwert hielt er mit ausgestreckten Armen hoch über seinem Kopf erhoben, allerdings deutete seine Spitze gen Boden. Ijo hatte schon öfters von Rangern oder Druiden gehört, die ihren Geist so mit ihrer Umgebung in Einklang brachten, dass sie die Nagetiere unter der Erde spüren und auch herausbefehlen konnten, aber er bezweifelte, dass die Methode des Hochelfen so funktionierte. Ijo fand einige saftige Wurzeln, würzige Blätter und mehrere Hand voll frischer Beeren in allen erdenklichen Rottönen. Er wusste, dass das, was er bisher für einen Plattenpanzer in Othenders Rucksack gehalten hatte, ein Set verschiedener Kochtöpfe aus Metall war - etwas, das er eher im Gepäck eines Halblings erwartet hätte, aber nicht bei einem Hochelfen - und war schon neugierig, ob sein Kampfgefährte damit auch umzugehen wusste.

Als Ijo sich also wieder auf den Rückweg machte, sah er, dass Othender noch immer wie versteinert im Gras stand. Dann endlich, mit einer Bewegung, der das Auge beinahe nicht mehr zu folgen im Stande war, rammte er das Schwert tief in die Erde. Verwundert blieb der Waldelf stehen und bemerkte erst dann, dass im hohen Gras ein Hase, aufgespießt von dem Langschwert des haarigen Elfen, versteckt lag. Oth hob den Hasen auf und kam mit langen Schritten auf seinen Gefährten zu. "Kannst du das Fell abziehen? Es ist so gut wie nicht beschädigt, vielleicht haben wir später noch Verwendung dafür, aber ich bin nicht sonderlich geschickt darin." Ijo nickte und deutete auf seine Ausbeute. "Ich hoffe, das reicht. Das Land hier ist karg, wir können froh sein, dass es in der Nähe tatsächlich Beerensträucher gibt." Othender nickte und packte seine Töpfe aus. "Ich hab schon aus viel weniger Zutaten einen guten Braten gemacht. Wenn du dem Hasen das Fell angezogen hast, kümmer dich bitte um Holz, wir brauchen ein kleines Feuer." Während Ijo das Tier häutete, schälte Othender die Wurzeln mit geübten Handgriffen, schnitt sie in einen Topf und gab die Beeren dazu - ein Teil zerdrückt, ein Teil ganz. Der Waldelf wunderte sich ein wenig über dieses seltsame Rezept, war aber für Neues immer zu haben.

Als Ijo vom Holzsammeln zurückkam, hatte Othender den Hasen so weit vorbereitet, dass er ihn gleich auf einen geeigneten Ast steckte und mit dem Waldelfen gemeinsam eine einfache Halterung für den Spieß improvisierte. Es dauerte nicht lang, da lag ein süßlicher Duft über dem Waldstück und Ijo lief das Wasser im Munde zusammen.

Als die beiden Elfen am Abend den ganzen Hasen und das süße Kompott, dass Othender aus den Beeren und Wurzen gezaubert hatte, aufgegessen hatten, ohne den Einsiedler damit anzulocken, begannen sie über andere Taktiken nachzudenken. Ijo hatte die Idee, den Barden mit Gesang zu locken. Allerdings musste das dann ein Lied sein, dass ihm fremd war und der kleine Waldelf bezweifelte, dass die beiden so eine Melodie kannten. "Ich glaube, ich kann ein Lied singen, dass er noch nie gehört hat. Aber es ist nicht elfisch und klingt ein wenig... anders..." Ijo blickte den haarigen Hochelfen überrascht an und antwortete mit einem Schulterzucken: "Probier's. Aber sag mir vorher, ob ich mir die Ohren zuhalten soll..."

"Das musst du schon selbst wissen." Othender setzte sich aufrecht hin, grinste Ijo nochmals breit an, bevor er zu singen begann. Der Barde merkte bald, dass die Stimme des Hochelfen für das Lied nicht unbedingt geeignet war, doch trotz der fremden Melodie und ungewohnten Harmonie fühlte er sich bald mitgerissen. Es klang fröhlich und unbekümmert, dennoch schwang eine leichte Melancholie mit, die Ijo an die Gesänge der Hochelfen erinnerte. Der Barde wartete, bis das Lied seines Kameraden zu Ende war und fragte dann, da er diese fremde Sprache noch niemals gehört hatte, in der Othender gesungen hatte: "Von wo hast du denn das gelernt? Und worum geht es?"

Oths breites Grinsen war wieder da, als er antwortete: "Das ist ein Lied, wie es bei den Trinkgelagen im hohen Norden oft gesungen wird."

Othender war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf den Schlag, den der entrüstete Waldelf ihm auf den Kopf versetzte. "Bist du von allen Göttern verlassen?! Damit hast du jeden Elfen in einem Umkreis von zig Meilen vertrieben, der diese primitive Sprache spricht!" Der haarige Hochelf hob schützend seine Arme und antwortete: "Du hast gesagt, ein Lied, dass er nicht kennt. Hier in Faydwer kennt kaum jemand Lieder aus Halas. Du hast nicht gesagt, dass es ein elfisches Lied sein muss!" Ijo ließ sich entmutigt wieder auf den Waldboden fallen und schlang seine Arme um den Leib. Oth musterte ihn nachdenklich. Er war sich wirklich keiner Schuld bewusst. Natürlich täte es ihm leid, hätte er damit tatsächlich ihre Chancen geschmälert, aber der Waldelf hatte nichts davon gesagt, dass manche Lieder verboten wären. Und außerdem gefiel diese eine Melodie dem Hochelfen besonders gut. Er konnte nicht verstehen, dass irgendjemand deswegen Reißaus nehmen sollte.

Nach wenigen Minuten, als Oth sich dazu aufgerafft hatte, die Überreste von der Zubereitung ihres Abendessens wegzuräumen, sagte Ijo leise und vorwurfsvoll: "Von deinem Gesang hab ich jetzt auch noch Bauchschmerzen bekommen..."

Nun war der große Hochelf vollends verunsichert. Ja, es gab Leute, die behaupteten, er würde in ihnen Übelkeit hervorrufen, schon wenn er nur den Mund öffnete, aber er hatte das bisher eigentlich immer als gemeinen Ausspruch abgetan. Konnte es sein, dass er diesen Elfen Unrecht getan hatte? Konnte es sein, dass Ijo tatsächlich vom dem Lied Schmerzen hatte? Der Hochelf ging neben seinem Kameraden in die Knie und sagte voll schlechten Gewissens: "Es tut mir leid, dass du jetzt leiden muss, bloß weil ich gesungen habe, mein Freund. Ich verspreche dir, ich werde das nie wieder tun, wenn du in Hörweite bist."

Aber der Waldelf schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht vor Schmerzen. "Ist schon in Ordnung... da war wohl irgendwas im Essen..." Othender begann fieberhaft zu überlegen, wie er seinem Kampfgefährten helfen konnte, während der von immer heftiger werdenden Krämpfen gequält wurde, aber der Hochelf musste sich bald eingestehen, dass er zuwenig von den Wurzen, Kräutern und Beeren wusste, die hier wuchsen, um etwas unternehmen zu können. Auch seine Salben würden hier nicht helfen. Als sich Ijo vor Schmerzen wimmernd am Boden krümmte, trat hinter einem Baum ein Mensch hervor. Er war nur wenig größer als Othender, und hatte in etwa seine Statur. Kurze graue Haare und ein sorgsam gestutzter Bart rahmten das Gesicht des Mannes ein, der mit einer einfach Lederrüstung bekleidet war. Oth hoffte, den mysteriösen Einsiedler vor sich zu haben, wollte allerdings kein Risiko eingehen und zog deshalb seine Waffe. Der Mann hob beruhigend seine Hand und sagte in der Sprache der Waldelfen: "Ich will Euch nichts Böses. Es sieht so aus, als könntet Ihr meine Hilfe gut gebrauchen. Es liegt an Euch sie anzunehmen."

Der Hochelf musterte den Menschen nachdenklich und kam dann zu einem Entschluss: "Wir nehmen die angebotene Hilfe gerne an."

Der Mann nickte und antwortete: "Folgt mir."

Mit wenigen Handgriffen hatte der Hochelf ihre Sachen zusammengesammelt, schnallte sich beide Rucksäcke um, hob den kleinen Waldelfen vorsichtig hoch und ließ sich von dem Menschen in den düsteren Wald führen. Othender wunderte sich zwar, dass der Mensch seinen Weg so gut fand, aber er kam rasch zu demselben Schluss, wie der Barde vor etlichen Nächten. Es musste wohl ein verzaubertes Schmuckstück sein, das seinen Träger auch im Dunklen sehen lassen konnte.

Die Behausung des Mannes erinnerte den Hochelfen stark an Kelethin. Eine Plattform, die von zwei Bäumen getragen wurde, erstreckte sich etliche Meter über dem Waldboden. Darauf war ein kleines Haus mit zwei Zimmern gebaut. Groß genug für eine Person, aber zu klein für zwei zusätzliche Gäste und so wartete Othender draußen. Es dauerte nicht lange, dann kam der Mensch aus der Türe, die deutlich größer als in Kelethin war, und setzte sich neben den Hochelfen. "Euer Gefährte schlaft jetzt. Es wundert mich nicht, dass er Schmerzen hatte, das Eulenauge ist giftig. Es wundert mich allerdings, dass es Elfen gibt, die das nicht wissen."

Oth zuckte mit den Schultern. "Ich bin kein Druide und nicht sonderlich bewandert in der Pflanzenkunde. Es gab immer Dinge, die mich mehr interessiert haben."

Der Mensch nickte und musterte Othender genau. "Es ist aber noch verwunderlicher, dass Ihr überhaupt keine Symptome der Vergiftung zeigt. Ihr seid ein Hochelf, wenn ich mich nicht sehr irre. Auch für Euch ist die Knolle schädlich."

Aber Othender zuckte nur mit den Schultern und antwortete mit einem Begriff aus der Menschensprache: "Mein Vater pflegte immer zu sagen, ich hab einen 'Saumagen'."

Der Mann begann zu lachen und reichte dem Elfen seine Hand. "Ich bin Draennor, geboren in Freeport, aber beheimatet in Kelethin."

Der Hochelf deutete eine leichte Verbeugung an und erwiderte: "Mein Name ist Othender. Seid Ihr ein Barde?"

Draennor antwortete mit einem Nicken und als er Oths Erleichterung bemerkte, sprach er ihn auf Hochelfisch an: "Ich habe mir schon gedacht, dass Ihr beide mich suchen müsst. Sonst treibt es kaum jemanden hier her. Aber besprechen wir das morgen Früh. Jetzt sollte ich wieder nach dem Waldelfen sehen. Ich hoffe, es macht Euch nichts aus, hier draußen zu schlafen. Drinnen ist leider kein Platz und mein Bett wird von Eurem Kameraden belegt."

(Kapitel 2)

?

Log in