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Der Bote - Kapitel 2: Kelethin
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aescu
Der Bote (Kapitel 2: Kelethin)
Fandom:
Everquest 1
Classification: adventure und etwas humor & friendship
Rating: PG-13
Wordcount: 5824
Disclaimer: Everquest gehört Sony Entertainment und das hier ist nur eine Geschichte, an der ich keinen Cent verdiene
Summary: Kelethin, die Stadt der Waldelfen birgt für Othender einige Überraschungen - und für Ijo erst recht.


Als die beiden Elfen Ijos Auftrag erfüllten und Draennor in Kelethin 'ablieferten', hatte Jakum, einer der Barden in der Gildenhalle, eine Bemerkung gemacht, dass auf die beiden noch eine weitere Aufgabe warten würde, nachdem sich die Barden um den Neuankömmling gekümmert hätten. Darum saßen Oth und Ijo jetzt gemeinsam in einer Taverne nahe Ijos Elternhaus und probierten sich durch die vielen bunten Flaschen, die hinter der Theke standen. Oths spitze Ohren hatte er hinter einem roten Stirnband verborgen und so hielten ihn hier alle für einen Menschen. Er fand es interessant, wie unterschiedlich die Waldelfen den Hochelfen in manchen Punkten waren. Hier gab es rund um die Uhr Feste - in jeder Taverne fand man feiernde Elfen. Ja, das ganze Leben in Kelethin schien auf Genuss und Freude ausgelegt zu sein. Othender versuchte sich vorzustellen, wie es hier wohl sein müsste, ohne der ständigen Bedrohung durch die Orks und kam zu dem Schluss, dass die Waldelfen wohl nicht, wie in den Geschichtsbüchern geschrieben, Hochelfen waren, die in den Wald hinaus gezogen sind. Nein, die kleineren Fier`Dal mussten zu einem nicht geringen Anteil Halblingsblut in ihren Adern haben - aber er hütete sich, diese Vermutung laut auszusprechen.

Auch Ijo hatte Grund zum Grübeln. Er fand es seltsam, dass Othender die Abneigung der meisten Hochelfen gegen Alkohol und ausgelassenen Feierlichkeiten nicht teilte. Der haarige Hochelf schien sich hier sogar so wohl zu fühlen, dass es Ijo nicht sonderlich gewundert hätte, wenn er irgendwann dem Beispiel der anderen Waldelfen gefolgt wäre und sich von einer der vielen Frauen in ihre Hütte hätte führen lassen. In diesem Punkt waren die Wald- und Hochelfen wohl am unterschiedlichsten. Während Waldelfen meist nur ein oder zwei Personen wirklich liebten, sahen sie überhaupt kein Problem darin, sich nebenbei noch mit unzähligen anderen zu vergnügen. Hochelfen hingegen wählten ihren Lebenspartner sehr sorgfältig aus. Manchmal war es Liebe, manchmal das Wissen, den besten Vater oder die besten Mutter für zukünftige Kinder gefunden zu haben, die die Hochelfen ihr Leben lang an eine einzige Person band.

Ijo wurde brutal aus seinen Gedanken gerissen, als jemand seinen Namen rief. Wobei rufen nicht ganz richtig war. Nicht lauter, als die übrigen Tavernengäste auch, aber mit so viel Autorität, dass dieses einzelne Wort alles andere übertönte. Unwillkürlich zuckte der Barde zusammen und drehte sich um. Das konnte nur sein Vater sein, und leider hatte er wieder einmal Recht. In der Türe der Taverne stand Sindl Talonstrike, Gildenmeister der Emerald Warriors, beide Hände in die Hüften gestemmt und funkelte seinen Sohn wütend an. Ijo erhob sich seufzend und deutete Othender, ihm zu folgen. Als der kleine Waldelf vor seinem Vater stand, der ihn um beinahe einen ganzen Kopf überragte, sagt er: "Vater, darf ich dir Othender vorstellen. Er hat mich begleitet." Der Krieger funkelte Othender ebenfalls nicht gerade freundlich an und zische: "Jetzt lässt du dich schon mit Barbaren ein, Sohn? Was wirst du als Nächstes tun, um mich zu demütigen?" Ijo senkte den Kopf und war bereit, die nächste Strafpredigt über sich ergehen zu lassen, aber Oth dachte gar nicht daran, blickte den Waldelfenkrieger von oben herab an und sagte: "Ist das nicht etwas, das zuhause besprochen werden sollte und nicht hier in aller Öffentlichkeit?" der ältere Waldelf funkelte ihn wütend an und erwiderte: "Das ist eine Familienangelegenheit, die dich nichts angeht, Barbar!" Othender seufzte, packte den unvorbereiteten Elfen und warf ihn sich über die Schultern. So perplex war Sindl Talonstrike, dass er sich nicht einmal wehrte. "Ijo, wo genau wohnst du?" Aber der Barde schüttelte den Kopf und flüsterte: "Das ist gar keine gute Idee... lass ihn wieder runter..." Hinter ihnen, in der Taverne, war teilweise Applaus, teilweise Gelächter zu hören. Talonstrike war bei den Emerald Warriors bekannt für seine strenge, autoritäre Art und viele seiner Schüler und ehemaligen Schüler hatten sich schon lange gewünscht, ihren Meister so sprachlos zu sehen.

Oth verließ die Taverne mit einigen großen Schritten und stellte Ijos Vater mit den Worten: "Wenn du meinst..." wieder auf die eigenen Füße. Der ältere Waldelf blieb einige Augenblicke ruhig stehen und sammelte sich, dann allerdings zog er seine beiden Schwerter und sagte in gefährlichem Ton zu dem Hochelfen: "Das war ein tätlicher Angriff. Niemand darf mich ungestraft so behandeln! Verteidige dich Barbar, oder stirb gleich!" Sindl war mit einem reichlich verziertem Kettenhemd bekleidet und auch die beiden leichten Schwerter ließen Oth darauf schließen, dass der Waldelf auf Geschwindigkeit setzte. Der Hochelf zog ebenfalls seine Waffe, da er keinen anderen Ausweg sah, wählte dieses Mal allerdings nicht das Langschwert und den Parierdolch, sondern die beiden schlanken Schwerter, die er am Rücken trug. Ijo blickte seinen Freund entsetzt an. Das konnte nicht sein Ernst sein, die Herausforderung seines Vaters anzunehmen bedeutet den sicheren Tod für jeden, der nicht ebenfalls ein Schwertmeister war. Ijo nahm Othenders Rucksack, um ihn beiseite zu stellen und sagte leise: "Tunare sei mit dir..."

"Das ist sie, die ganze Zeit." antwortete der Hochelf beinahe flüsternd.

"Blasphemie!" Mit diesem Ausruf stürzte sich Ijos Vater wutentbrannt auf den Hochelfen. Schon nach den ersten paar Schlägen hatte sich eine Menge Schaulustiger um die Kämpfenden versammelt und Ijo hörte, wie einige die Kampfstile und Chancen der Kontrahenten diskutierten. Öffentliche Duelle waren zwar selten in Kelethin aber nicht verboten. Es wunderte den Barden, dass Oth die erste Minute überstand, ohne dass sein Vater auch nur einen einzigen Treffer landen konnte. Während Sindl beinahe kopflos auf den größeren Gegner einschlug, schien der Hochelf in eine Art Trance gefallen zu sein und wehrte jeden Schlag ab, als hätte er ihn schon lange vorher kommen sehen. Erst nach einigen Augenblicken dämmerte Ijo, was er da gerade sah. Er hatte schon davon gehört, dass die Paladine Felwithes durch Tunares Segen diesen einzigartigen Kampfstil entwickeln konnten, aber er hatte noch nie solch einen Kampf mit eigenen Augen gesehen. Das war also der Beweis, Othender gehörte tatsächlich dem königlichen Orden an. Aber was Ijo nicht verstand, war die Tatsache, dass sein Freund mit zwei Schwertern kämpfte. Paladine waren dazu da, um die Leute zu beschützen, sie wurden seinem Wissen nach nicht in dieser offensiven Art des Kämpfens unterrichtet. Aber er war ja nur ein Waldelfenbarde, was wusste er schon, vom königlichen Orden und seinen Geheimnissen?

Es dauerte nicht lange, da forderte das Duell auf beiden Seiten ihren Tribut. Ijo bemerkte, dass sein Vater langsamer wurde, die Schläge weniger kraftvoll, dafür allerdings durchdachter. Während Sindls Wut anscheinend langsam verrauchte, schien Othender sowohl körperlich als auch geistig erschöpft zu sein. Als der Krieger dem Hochelfen seine Klinge in die Seite rammte, hatte Ijo endgültig genug. Er würde nicht zulassen, dass sein eigener Vater seinen Freund und Waffengefährten tötete. Der Barde hieb dem anderen Waldelfen mit Othenders Rucksack auf den Kopf, worauf der den wahrscheinlich letalen Schlag vermasselte, und stellte sich zwischen die beiden Kontrahenten. "Es ist genug! Othender hat dir nichts getan, er verdient so eine Behandlung nicht! Du hast ihn beschimpft, dann wunder dich nicht, wenn er dich mit fehlenden Respekt behandelt!" Er hieb nochmals mit dem schweren Rucksack auf seinen Vater ein und hörte, wie darin etwas zerbrach. "Lass ihn in Frieden oder ich schwöre, ich stoße dich von der Plattform!"

Sindl hatte seinen Sohn noch nie so in Rage erlebt. Schützend hob er eine Hand über den Kopf, aber der befürchtete Schlag blieb aus. Der Schwertmeister stützte sich auf seine Waffe und versuchte die Sterne vor seinen Augen zu ignorieren, als er vorsichtig nickte. "Dein Freund kämpft gut. Ich denke, wir hatten einen schlechten Start... lasst uns nach Hause gehen, ein wenig ausruhen und die ganze Sache vergessen."

Ijo musste sich zusammenreißen, um seinen Vater nicht mit offenem Mund anzustarren. Er hatte nachgegeben! Noch niemals hatte Sindl einen Fehler eingestanden. Aber der Krieger hatte seine eigenen Gründe für diesen Schritt. Auch ihm war der Kampfstil nicht entgangen. Er hatte schon zahllose Kämpfe mit dem Schwert gesehen und würde jederzeit ein Mitglied des königlichen Ordens von Koada`Vie erkennen. Dieser Barbar war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Paladin im Auftrag des Königs, der sich verkleidet hatte und Sindl wollte auf keinen Fall König Tearis Thex verärgern.

Während Elytan Starwatcher, ein hochelfischer Heiler, der gerade Gast der Bardengilde war, Othenders Wunde fachmännisch betrachtete, stand Ijo in der Türe des kleinen Gästezimmers und beobachtete seinen Freund nachdenklich. Es tat ihm leid, dass der Elf gleich am ersten Tag mit seinem Vater Ärger hatte und der Waldelf wünschte sich nichts sehnlicher, als sein Elternhaus so rasch als möglich wieder zu verlassen. Als der silberhaarige Heiler fertig war, schob er den Barden sanft aber bestimmt aus dem Raum. "Euer Freund braucht Ruhe. Die Wunde ist tief, aber sie wird heilen. Es braucht viel Kraft, um so zu kämpfen, Kraft, die Euer Freund anscheinend nicht im benötigten Ausmaß hat." - Ja, natürlich, das verdammte Gift der Pixies! "Gebt ihm ein wenig Zeit, dann ist alles wieder beim Alten." Der Hochelf hatte sich schon zum Gehen gewand, als er sich nochmals umdrehte und mit leiser, eindringlicher Stimme sagte: "Ijo, Ihr solltet nicht darüber sprechen. Ich werde auch Euren Vater anweisen, Stillschweigen zu wahren. Ihr mischt Euch sonst in etwas ein, das Ihr nicht versteht. Tunare beschütze Euch."

Das war tatsächlich etwas, das Ijo nicht verstand und er nahm sich vor, Othender endlich auf seine Vergangenheit anzusprechen. Die nächsten beiden Tage allerdings schlief sein Freund und erwachte kein einziges Mal. Jeden Morgen kam Elytan Starwatcher, um nach ihm zu sehen und versicherte den Waldelfen, dass kein Grund zu Sorge bestand und die schwere Wunde gut verheilte. Allerdings dauerte es noch weitere drei Tage, bis Oth sich stark genug fühlte, um das Bett wieder zu verlassen. Ijo war beinahe die ganze Zeit in der Gildenhalle der Barden und musste jede Einzelheit seiner Reise berichten. Ihm entging natürlich nicht, wie die Gildenmeister ihn auszufragen versuchten, um alles über den Hochelfen zu erfahren. Und immer war Starwatcher anwesend, saß still auf einem Stuhl in der Sonne und schien ganz auf seinen Humpen Bier konzentriert. Aber Ijo wusste es besser, als sich von dem Schauspiel täuschen zu lassen. Er hütete sich auch nur ein Wort über die seltsamen Geheimnisse fallen zu lassen, die seinen neuen Kameraden umgaben und Starwatcher wirkte zufrieden.

Als er am vierten Tag Othender auf Geheiß der Barden zur Gildenhalle brachte, wirkte der Hochelf noch immer erschöpft und ausgemergelt. Ijo bemerkte erschrocken, dass die Augen seines Freundes dunkel, beinahe schwarz waren. Er konnte sich nicht mehr an ihre eigentliche Farbe erinnern, glaube aber, dass die blau oder grün gewesen waren, als sie sich kennengelernt hatten. Die Barden versuchten auch Oth auszufragen, allerdings erfuhren sie noch weniger als Ijo. Der Hochelf tischte ihnen dieselbe unbefriedigende Geschichte auf, die er auch seinem Freund zu beginn erzählt hatte. Allerdings mussten sich die Barden damit abspeisen lassen, denn Elytan Starwatcher unterbrach das Verhör bald mit den Worten: "Werte Freunde, Ihr seht, dass Ijos Kamerad noch immer nicht gänzlich wiederhergestellt ist. Ich denke, das war genug für heute." Gezwungenermaßen zeigten sich die Barden einverstanden, was Ijo verwunderte. Normalerweise ließ sich kein Barde so schnell von irgendjemand vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hatte. Als er die Tore der Gildenhalle hinter ihnen schloss, hörte er den Hochelfen drinnen sagen: "Hoffentlich können wir nächste Woche mit dem Training beginnen..." Dann schluckten die schweren Holztüren jegliche weiteren Worte.

Zuhause angekommen wirkte Othender so erschöpft, dass Ijo befürchtete, sein Freund würde es nicht mehr bis ins Bett schaffen. Zur Erleichterung des Barden erholte sich der Hochelf in den nächsten Tagen tatsächlich wieder und verbrachte immer mehr Zeit mit Ijo und mit seiner Familie. Der Waldelf fand es sonderbar, dass sein Vater sich plötzlich so gut mit Oth verstand und ihn höflich und zuvorkommend behandelte, wie sonst niemanden. Was der junge Barde aber noch weniger verstand war, dass seine kleine Schwester Aleena, mit ihren 60 Jahren nach elfischen Maßstäben noch beinahe ein Kind, den haarigen Elfen äußerst anziehen zu finden schien. Er hätte sich eher gedacht, dass die vielen Haare Frauen eher abschrecken würden, aber Aleenas Blicke konnte man nicht mehr falsch verstehen. Sindl schien das nicht aufzufallen, aber Ijo beschloss, am Abend mit Othender darüber zu sprechen.

Das Gespräch entwickelte sich anders als erwartet und als Ijo das Gästezimmer verlies, war er verwirrter denn je. "Ich werde deine Schwester nicht anfassen. Tunare verbietet es. Bitte richte ihr meine Hochachtung und mein Bedauern aus." Mehr wollte der haarige Hochelf zu dem Thema nicht sagen. Der Barde lag an diesem Abend noch lange wach in seinem Bett und dachte über seinen Freund nach. Er wurde aus seinem Waffenbruder nicht schlau und die Art, wie Starwatcher auf ihn reagierte... Mit einem seufzen stand Ijo wieder auf, zog sich seine Hose an und kletterte aus dem Fenster auf die Plattform seines Elternhauses. Wieder einmal saß er dort, ließ sich die milde Nachtluft über die nackte Haut streichen und beobachtete das rege Treiben auf den anderen Plattformen. Zahllose Lampions und magische Lichter hüllten die Stadt in ein buntes aber dämmriges Licht. Leise drang auch Gesang an seine feinen Ohren.

Nach einiger Zeit, als Ijo eigentlich schon wieder durchs Fenster in sein Zimmer klettern wollte, hörte er Stimmen. Er dreht den Kopf ein wenig verwirrt und stellte fest, dass er sich nicht geirrt hatte, die Geräusche kamen aus Othenders Raum. Durch das geöffnete Fenster hörte er, wie sich sein Freund mit jemandem unterhielt - mit einer Frau! Aleena?! Angestrengt lauschte der Barde weiterhin den Stimmen, konnte aber kaum etwas verstehen. Nein, Oth unterhielt sich auf Hochelfisch und die zweite Stimme war viel zarter, viel klarer als die seiner kleinen Schwester. Ijo versuchte seine Neugierde zu unterdrücken, schaffte es allerdings nicht allzu lange. Er musste einfach wissen, wer die Frau mit dieser bezaubernden Stimme war. Beinahe wäre er zum Fenster geschlichen und hätte einen Blick riskiert, aber Oth hätte ihn dann sicherlich entdeckt und Ijo wollte nicht, dass sein Freund dachte, er würde ihm nachspionieren. Also kletterte der Waldelf wieder in sein Zimmer, öffnete leise die Türe und schlich auf den Gang hinaus, vor Oths Zimmer. Dort blieb er einige Sekunden stehen, atmete tief durch, suchte nach Mut, während er weiterhin angestrengt lauschte. Ja, die Stimmen waren noch da. Er öffnete die Türe und ließ seinen Blick schweifen, während er leise sagte: "Ich hab Stimmen gehört... ist alles in Ordnung?" Der haarige Hochelf lag völlig entspannt im Bett ganz so, als würde er schlafen. Das Zimmer wurde nur von dem spärlichen Licht, dass durch das Fenster fiel, erhellt, dennoch sah Ijo genug um zu erkennen, dass sein Freund ganz offensichtlich alleine war. Aber er hatte die Stimme doch gerade eben noch gehört, wenn die Frau durch das Fenster geflüchtet war, musste sie flinker sein als jedes Tier, dass der Barde kannte. "Nein... Ich bin alleine... keine Stimmen..." Oths Stimme klang tatsächlich so, als hätte er bis eben tief und fest geschlafen. "Ab und zu rede ich im Schlaf... vielleicht hast du das gehört. Leg dich wieder hin... gute Nacht." Ijo schloss seufzend wieder die Türe und schlurfte in sein Zimmer zurück. Der nächste Hochelf, der glaubte, ihn mit seinen Schauspielkünsten auf die falsche Fährte zu locken. In dieser Nacht fand der Waldelf nicht allzu viel Schlaf.

~*~

Wenige Tage später wurden Ijo und Othender wieder zum Gildenhaus der Barden befohlen. Schon als die beiden durch die großen Holztore traten, merkten sie, dass dieses Mal etwas anders war. Starwatcher saß zwar wie immer leicht gelangweilt auf einem Stuhl in der Sonne, ein Humpen Bier in seiner Hand, aber es waren nur zwei Gildenmeister anwesend, zwischen denen Sindl Talonclaw stand. Hinter dem Krieger lagen verschiedene Waffen fein säuberlich geschlichtet.

Zu Beginn überließ Sindl den beiden jüngeren Elfen die Wahl der Waffen und so trainierte Ijo am ersten Tag mit einem leichten Scimitar und Oth entschied sich für ein, im Vergleich dazu klobiges, Bastardschwert. Die Bardenmeister beobachteten die Kämpfer genauso aufmerksam, wie der Cleric, der es allerdings schaffte, dennoch einen gelangweilteren Eindruck zu machen. Am zweiten Tag allerdings eröffnete Sindl seinen neuen Schülern, dass die anderen Waffen ebenfalls benutzt werden sollten. "Ihr werdet nicht immer die freie Wahl haben und mit dem kämpfen müssen, was ihr findet. Das mag manchmal die Waffe eurer Wahl sein, aber meistens ist es eine, die euch nicht so liegt oder gar für eine andere Rasse geschaffen wurde." Am heutigen Tag war der Teil der Gildenhalle, in der die drei Elfen trainierten, leer und die Tore zu den anderen Bereichen verschlossen. Ijo wusste, dass die Barden viel zu tun hatten und gestern ihretwegen die meiste Arbeit brachgelegen haben musste.

Sindl wählte die schwersten Waffen für die beiden jüngeren Elfen aus, er selbst allerdings nahm ein einzelnes Langschwert. Auch wenn Othender sich Anfangs leichter tat, seine massige Waffe zu schwingen, so fühlte der Hochelf doch bald seine Kräfte schwinden und die ersten Anzeichen eines grausamen Muskelkaters. Ijo, der viel zarter gebaut war und über deutlich weniger Muskelmasse verfügte, kämpfte verbissen mit dem riesigen Morgenstern und wollte seinem Vater nicht den Triumph gönnen, ihn wieder einmal Versager schimpfen zu können. Sindl hielt sich zwar zurück, aber sein Schwert fand oft genug eine Lücke in der Verteidigung und fügte beiden Elfen diverse Wunden zu. Wenn auch nicht tödlich, so waren sie schmerzhaft und dem Kampf hinderlich. Ab und zu ordnete der Waldelfenkrieger kurze Erholungspausen an, in denen Starwatcher die Verletzungen der beiden Schüler heilte. Der Cleric schien überhaupt aufzutauen. Er feuerte die Kämpfer an und machte beinahe den Eindruck, das ganze Spektakel zu genießen. Was Ijo dennoch misstrauisch machte, war die Tatsache, dass Starwatchers Bierhumpen immer gut gefüllt blieb, egal wie kräftig die Schlucke des Elfen waren, ohne dass er wieder aufgefüllt werden musste. Ab und zu verschwand der Hochelf, wahrscheinlich um sich zu erleichtern. Als er wiedermal die Gildenhalle kurz verließ, näherte sich Ijo dem Krug, den der Heiler neben seinen Stuhl gestellt hatte, er streckte die Hand aus, aber dann hörte er die Stimme seines Vaters in gebieterischem Ton seinen Namen rufen. Ijo kehrte seufzend und unbefriedigt wieder an seinen Platz zurück und nahm sich vor, den Humpen ein anderes Mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Am Abend war Ijos Lederrüstung zerschlissen und auch Othenders kunstvoll gearbeiteter Brustpanzer hatte etliche Löcher bekommen. Den beiden Elfen tat jeder einzelne Muskel weh, als sie verschwitzt und erschöpft das Gildenhaus verließen. Allerdings führte Ijo sie nicht wieder zurück nach Hause, sondern machte vor einem anderen Gebäude halt. "Ich glaube, ein warmes Bad wäre jetzt genau das Richtige, was meinst du?" Oth nickte müde. In Ijos Elternhaus gab es sehr wohl auch die Möglichkeit, ein warmes Bad zu nehmen, aber wenn der kleine Barde lieber hierher ging... Er folgte seinem Gefährten durch die schmale Türe und stand wenige Augenblicke später in einem Holzraum, der mit warmem Licht erleuchtet war. Dennoch wurden seine Augen nicht geblendet, die Helligkeit lag nur knapp über der des Vollmondes in einer klaren Nacht. Zwei Waldelfenfrauen in kurzen Kleidern aus heller, leichter Eichenseide begrüßten die beiden Männer und nahmen jeder einen von ihnen an der Hand. Ijos Begleiterin war kaum größer als er und hatte schulterlange, tiefrote Haare, die sie mit eingeflochtenen Blättern und Rindenstücken verziert hatte. Sie lächelte die beiden Besucher an und übernahm die Führung. Im Vergleich zu der zierlichen Hand von Oths blonder Waldelfe, wirkte seine wie die Pranke eines Barbaren und er kam sich auf ein Mal klobig und ungepflegt vor. Ein Teil von ihm sehnte sich wieder zurück nach Felwithe, vermisste die ruhigen Tage, bevor sich die ganze Welt plötzlich gegen ihn zu wenden schien und sein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt wurde. Sein Körper sehnte sich nach dem Gefühl der zarten Mondseide statt dem rauen Leder seiner Rüstung, er wollte wieder die Lieder seines Volkes in der Nacht leise an sein Ohr dringen hören, anstatt immer wieder das Geschrei sterbender Lebewesen.

Inzwischen hatten sie einen kleinen Gang erreicht, der links und rechts Türen zu kleinen Zimmern hatte. Ijo und seine Begleitung betraten eines davon, Oths Elfe führte ihn in das daneben. Drinnen gab es einen Spiegel, ein kleines Regal, einen Stuhl und einen Tisch. Die Elfe half Othender vorsichtig aus der Rüstung, darauf bedacht, seine schmerzenden Muskeln so wenig als möglich zu bewegen, während der große Hochelf noch immer in wehmütigen Erinnerungen versunken war. Teile dieser Gedanken mussten sich wohl auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn seine Begleitung sagte zu ihm: "Nach einem entspannenden Bad werdet Ihr euch gleich besser fühlen, Herr Hochelf."

Erschrocken blickte Othender die Frau an. Woher wusste sie das? Konnte jeder seine Herkunft so deutlich erkennen? Er hatte sich große Mühe gegeben, die Bewegungen und den Akzent eines Menschen zu imitieren - sobald die Fier`Dal davon erfuhren, dass er sich hier aufhielt, würden sie ihn jagen kommen...

Die Waldelfe lächelte den großen Elfen beruhigend an und beantwortete seine unausgesprochene Frage: "Seht mich nicht so entsetzt an, Euer Geheimnis ist bei mir und meinen Schwestern sicher. Euer Auftreten mag zwar die anderen täuschen, aber ich erkenne den Körperbau eines Fier`Dal, wenn sich einer vor mir auszieht." Völlig überrumpelt stellt Oth fest, dass die Waldelfe ihm tatsächlich aus sämtlichen Kleidern geholfen hatte, ohne dass er es bemerkt hatte. Splitternackt, stinkend und schmutzig stand er vor ihr und fühlte sich äußerst unwohl. Es war unter Hochelfen nicht üblich, sich anderen Personen nackt zu zeigen, aber für ihn war es so verschwitzt und ungewaschen noch unangenehmer. Seine Begleiterin nahm in kichernd wieder an der Hand und sagte: "So ein großer, kräftiger Kerl und so schüchtern... Kommt! Wenn wir uns beeilen, seid Ihr im Wasser, bevor Euer Freund und meine Schwester fertig sind und Euch sehen könnten." Sie zog Othender förmlich hinter sich her, in einen großen Raum, in dem aus Holz geschnitzte, reichlich verzierte Wannen standen. Einige für eine Person, aber auch einige, in denen wohl auch ein Dutzend Elfen ausreichend Platz hatte. Gerade als Oth in eine der Wannen kletterte, betraten auch Ijo und die zweite Waldelfe das Zimmer. Rasch verschwand der Hochelf bis zum Hals in dem warmen Wasser, aber die beiden Neuankömmlinge beachteten ihn kaum. Ijo tauchte in seiner Wanne kurz unter und als er wieder an die Oberfläche kam, hatte seine Begleitung einen Schwamm geholt und begann ihn sanft abzuschrubben. Entsetzt darüber, dass sich sein Kamerad von einer fremden Frau waschen ließ und das offensichtlich auch noch genoss, bemerkte der große Hochelf nicht, dass auch 'seine' Waldelfe ähnliches Werkzeug organisiert hatte. Erst als sie damit begann, seine Brust zu reinigen, wurde Othender klar, dass auch ihm ähnliches bevorstand. Er hatte immer versucht, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen zu sein, deren Bräuche zu respektieren und sie nicht von vornhinein abzulehnen, aber das war zu viel. Er wich zurück, packte den Schwamm und zog kräftig daran an, wodurch seine überraschte Begleitung das Gleichgewicht verlor und vornüber zu ihm in die Wanne kippte. Als die Waldelfe nach Luft ringend wieder aus dem Wasser auftauchte, hörte Oth Gelächter und Ijos Stimme erklang mit neckendem Unterton: "Man könnte dich beinahe für einen Waldelfen halten, Großer..."

Protestierend hob der Hochelf den Schwamm und sagte: "Ich wollte nur das hier... Bei uns lernt man schon als Kind, wie man sich wäscht und wir brauchen keine Hilfe dabei."

Der kleine Barde verschränkte die Arme hinter dem Kopf und erwiderte entspannt: "Also ich finde das ganz schön so..."

"Aber ich nicht!" Oth versuchte die nasse Waldelfe so rasch als möglich aus der Wanne zu bekommen, ohne dass sie ihn aus Versehen irgendwo berühren konnte. Er wollte nur seine Ruhe und den Schwamm. Der Rest konnte von ihm aus Orgien im Wasser feiern, aber für ihn war das undenkbar.

Die leicht mitgenommene Elfe kletterte aus seiner Wanne und stand dann tropfnass einige Sekunden da, bevor sie sich zu ihm beugte und flüsterte: "Ihr hättet nur sagen brauchen, dass meine Hilfe unerwünscht ist, hier wird niemand zu seinem Glück gezwungen."

Oth murmelte eine Entschuldigung und war heilfroh, als die Waldelfe dann den Raum verließ, wahrscheinlich um sich etwas Trockenes anzuziehen.

Langsam entspannte er sich und bemerkte nach einiger Zeit erstaunt, dass es nicht einfaches Wasser war, mit dem die Wanne gefüllt war. Oben auf der Oberfläche schwammen Blumen und Blätter und die ganze Flüssigkeit duftete nach Wald, nach frischen Kräutern und Tannennadeln. Oth entging auch nicht, dass sich der Schmutz selbst aus seinem zotteligen Bart fast von selbst löste und das rhythmische Schrubben, mit dem Ijos Begleitung seinen gesamten Körper bearbeitete, eigentlich überhaupt nicht nötig war. Langsam konnte auch der Hochelf das Bad genießen und fühlte, wie sich seine geschundenen Muskeln zu entspannen begannen. Oth lehnte den Kopf zurück und konzentrierte sich darauf, die Ruhe auch auf seine Gedanken übergehen zu lassen. Er befand sich schon beinahe in dem Trance ähnlichen Zustand, den er am erholsamsten empfand, als er eine vorsichtige Berührung an der Schulter spürte. Es dauerte einige Sekunden, bis er alle Sinne wieder auf diese Welt gerichtet hatte und die Augen aufschlug. Neben der Wanne stand wieder die blonde Waldelfe, in frischem Gewand und mit einem weichen Tuch in den Händen. "Verzeiht, ich wollte Euch nicht wecken, aber das Wasser wird langsam kalt, Ihr solltet nicht länger in der Wanne bleiben." Sie machte Oth Platz, dass er aus dem Wasser steigen konnte, das inzwischen tatsächlich schon ein wenig kühl geworden war, und reichte dem Hochelfen das große Tuch. Während er sich abtrocknete und die Waldelfe ein wenig abseits stand, ließ sich Ijo von seiner Begleitung in ein ähnliches Tuch wickeln und sanft trocken reiben. Der Barde genoss auch diesen Teil sichtlich, was Oth zu dem Schluss brachte, dass die Koa`Dal tatsächlich so vergnügungssüchtig sein mussten, wie in all den Schriften in Felwithe geschrieben stand. Die blonde Waldelfe nahm ihm zu seinem Entsetzen das inzwischen feuchte Tuch wieder weg und während Ijo seiner Begleitung nackt durch eine weitere Türe folgt, reichte die andere Frau Othender ein würzig riechendes Tuch - ganz offensichtlich ein aus Tannenessenz gewebter Stoff. "Es ist zwar nicht üblich hier, aber Ihr sollt Euch nicht unwohl fühlen." Der Hochelf war von dem betörenden Geruch ein wenig benebelt und reagierte nicht sofort auf das Angebot der Frau. Die wickelte ihm daraufhin das Tuch ein Mal um die Hüften und band es mit einem lockeren Knoten fest. "Folgt mir."

Othender betrat als letzter das kleine Zimmer, das gänzlich mit rötlich schimmerndem Holz verkleidet war. An der linken und rechten Wand hing eine kunstvoll gearbeitete Laterne, in der jeweils eine kleine Lichtkugel den Raum erhellte. Es gab kein Fenster in diesem Raum, dafür allerdings zwei Matten am Boden. Ijo hatte sich schon auf eine davon gelegt und die rothaarige Waldelfe war damit beschäftigt, ihn wie Brotteig zu bearbeiten. Der Hochelf beobachtete das Schauspiel fasziniert. Er hatte bisher nur Geschichten über das gehört, was die Waldelfen als Massage bezeichneten. Während Oth den beiden einige Augenblicke zusah, wartete seine Begleitung geduldig neben ihm. Diese Behandlung konnte einfach nicht angenehm sein. Oths Muskeln schmerzten schon beim Stehen, wenn er sich jetzt vorstellt, dass sie jemand so grob berührte...

"Legt Euch doch hin, ihr werdet sehen, wie entspannend eine Massage sein kann. Ich verspreche Euch, sanft anzufangen und sofort aufzuhören, sollte es Euch nicht gefallen."

Mit zweifelndem Gesichtsausdruck kam der Hochelf dieser Bitte nach, während er penibel darauf achtete, dass das Tuch weiterhin an seiner Stelle blieb. Ja, die Prozedur war teilweise schmerzhaft, aber zu Oths Erstaunen entspannten sich seine geschundenen Muskeln und die Schmerzen wichen einer dumpfen, wohligen Wärme. Die Waldelfe massierte ihn von oben bis unten und benutzte dazu ein Öl, das wie Zitronenmelisse und Bucheckern roch. Oth schloss nach einer Weile die Augen und entspannte sich gänzlich. Er vergaß sogar, dass ihn da eine gänzlich fremde Person berührte und das eigentlich gegen die Sitten und Gesetze sowohl seiner Heimat als auch seines Glaubens war.

Als die blonde Waldelfe die Massage beendete, war Othender beinahe ein wenig traurig. So entspannt, so geborgen hatte er sich schon seit Jahren, nein, seit fast einem Jahrhundert nicht mehr gefühlt. Er öffnete die Augen und blinzelte ein paar Mal in das Licht, das ihm plötzlich sehr hell erschien. Es dauerte einige Augenblicke, bis er begriff, was er da auf der anderen Seite des Raumes sah. Ijos Massage war anscheinend auch zu Ende, aber im Gegensatz zu ihm, dachte der junge Barde nicht daran, einfach aufzustehen und sich wieder anzukleiden. Er hatte die rothaarige Elfe zu sich hinunter auf die Matratze gezogen und war dabei, sie mit geschickten Handgriffen zu entkleiden, während sie sehnsüchtige Küsse austauschten. Ijo hatte nie etwas von dieser Frau erzählt, Oth war also klar, dass die beiden kein Paar waren, er musste also davon ausgehen, dass das entweder zum 'Service' dazu gehörte oder von den Gästen als eine Art 'Bezahlung' erwartet wurde. Panik stieg in ihm hoch und eine eisige Kälte umklammerte sein Herz. Er konnte nicht... er durfte nicht! Oth rappelte sich rasch auf und wich einige Schritte zurück - was ihn gegen die zweite Waldelfe taumeln ließ.

Bevor der haarige Hochelf allerdings die Flucht ergreifen konnte, hatte seine Begleitung ihn an der Hand gepackt und hielt ihn mit einer Kraft zurück, die er der zierlichen Frau nicht zugetraut hatte. "Wartet! Zieht keine voreiligen Schlüsse und macht nicht die ganze Entspannung der Massage zunichte. Niemand zwingt Euch hier zu irgendetwas. Ihr seid nicht der erste Hochelf, den wir unter unserem Dach begrüßen durften. Beruhigt Euch und zieht Euch wieder an." Oth schloss die Augen, versuchte die Panik zu unterdrücken und nickte schwer atmend.

Im Umkleidezimmer fand der Hochelf statt seiner dreckigen Sachen, eine saubere Hose und ein Hemd, beides aus einfacher Baumseide gearbeitet, aber bei weitem bequemer als die Lederrüstung. Draußen wartete schon die blonde Waldelfe und führte ihn Richtung Eingangsbereich. "Eure Sachen habe ich hier her gebracht, damit Ihr sie nicht vergesst. Das Gewand könnt Ihr im Laufe der nächsten Tage wieder zurück bringen. Wollt Ihr auf Euren Freund warten?"

Oth nickte. Eigentlich hatte er keine Lust hier noch die nächsten Stunden zu warten, aber er wollte auch nicht ohne den Barden zurückkehren.

Sie hatten einen schwach beleuchteten Balkon betreten, von dem aus man Teile der Stadt sehen konnte. Es war inzwischen richtig finster geworden und obwohl Oth das bunte Treiben sehen konnte, war es hier erstaunlich still. Die Plattform, auf der dieses Gebäude stand, war am Rande Kelethins, aber nicht weit genug weg, um diese herrliche Stille zu gewährleisten. Die Elfen mussten mit Magie nachgeholfen haben. "Setzt Euch doch!" Oth hatte gar nicht bemerkt, dass die Waldelfe nicht mehr neben ihm stand. Sie saß am Rande des Balkons und ließ die Beine hinunter baumeln. Der Hochelf setzte sich in einem sittlichen Abstand zu ihr ebenfalls auf den Boden und lehnte den Kopf an die Reling. "Erzählt mir von Felwithe! Angeblich scheint dort die Sonne jeden Tag und es blühen bunte Blumen auf den Häusern."

Oth musste über den Enthusiasmus in der Stimme der Waldelfe beinahe lachen. "Ja, dort wachsen Blumen auf den Häusern. Es ist eine Art Efeu, der sich über jedes Gebäude rankt. Selbst wenn wir wollten, gegen diese Pflanze sind auch die mächtigsten Magier machtlos. Es ist also nicht unser Verdienst, dass in Felwithe die Häuser blühen. Und die Sonne scheint auch nicht jeden Tag. Wenn es regnet, regnet es eben. So wie in jedem anderen Teil Faydwers auch. Allerdings blieb Felwithe bisher von allzu starken Stürmen und Unwettern verschont. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich glaube nicht, dass das einer der Gilden zu verdanken ist."

Othender saß eine Weile still da und besuchte in Gedanken die Stadt seiner Kindheit - nicht das Felwithe, wie er es als Erwachsener kennengelernt hatte, sondern die Stadt seiner naiven Träume, damals, als das 'Böse' für ihn der Clan Crushbone war, unglaublich weit weg...

"Ihr seht so traurig aus. Verzeiht, falls ich etwas Falsches gesagt habe..." Oth wurde sich seiner Umgebung wieder bewusst. Er durfte sich den Erinnerungen nicht hingeben. Auch damals war die Welt schon korrupt gewesen. Einzig durch seine Mutter, die alles Schlechte von ihm abschirmte und ihm Sicherheit und Geborgenheit vermittelte, und seine grenzenlose Naivität hatte er damals noch nichts davon bemerkt. "Es muss hart sein, aus seiner Heimatstadt verbannt zu werden."

Der Hochelf warf der Frau einen nachdenklichen Blick zu. Sie war anscheinend eine gute Beobachterin und nicht auf den Kopf gefallen. Aber dass es so leicht zu erraten war, das gefiel ihm überhaupt nicht. Die Waldelfe streckte eine Hand aus und berührte ihn sanft an der Wange, was einen warmen Schauer durch seinen Körper sandte - die erwartete Kälte blieb allerdings aus. "Meister Silverstream, vertraut auf Tunare..."

Der Hochelf zuckte zurück, als hätte er einen Hieb gegen den Kopf erhalten. Es konnte nicht sein, dass diese Frau wusste, wer er war! Wenn sie es wusste, wussten es auch die anderen Elfen! Wahrscheinlich war schon ein Trupp von Felwithe unterwegs hier her! Man würde ihn wieder jagen und er wusste nicht, ob er ihnen nochmals entkommen konnte.

Die Waldelfe nahm seine Hand und Oth sah sich außerstand aufzuspringen und das Weite zusuchen, so, wie er eigentlich wollte. Seine innere Stimme schrie, dass er keine Zeit verlieren durfte, aber die Ruhe, die Zuversicht, die von dieser Berührung ausging, sie schien seinen Willen vom restlichen Körper zu lösen, ließ die Panik wie eine kleine Regenwolke über seinem Kopf schweben. Langsam nahm die Frau ihre Hand wieder weg und Oth war überrascht, dass er tatsächlich sitzen blieb. "Als ich gesagt habe, dass Ihr mir und meinen Schwestern vertrauen könnt, habe ich das auch so gemeint, Herr Hochelf." Fasziniert sah er ihr dabei zu, wie sie ihr Kleid öffnete und ihren blanken Busen entblößte. Er sah den Silbernen Mond in ihrem ausschnitt leuchten...

"Na du gehst aber ganz schön ran, das hätt` ich dir gar nicht zugetraut!" ertönte Ijos Stimme aus dem Türrahmen. Die blonde Waldelfe lächelte Oth an und stand langsam auf - anscheinend dachte sie gar nicht daran, sich wieder zu bedecken, aber Othender, der sich ebenfalls erhob, fand es viel faszinierender, dass weder Ijo noch die rothaarige Elfe das silberne Leuchten bemerkten. Der Barde rammte seinem Kameraden einen Ellenbogen in die Seite und flüsterte mit einem breiten Grinsen: "Gerade du als Hochelf solltest doch wissen, dass man eine Dame nicht so anstarrt!"

Erst jetzt fiel Oth auf, dass sein Blick noch immer am Busen der Waldelfe klebte und er bemühte sich, rasch ein anderes Ziel ins Auge zu fassen. Die blonde Frau hingegen schien es überhaupt nicht zu stören. Sie machte zwei rasche Schritte, sodass sie direkt vor dem weitaus größeren Hochelfen stand und schaffte es irgendwie, ihm einen Kuss auf den Mund zu geben. Oth war so überrumpelt, dass er sich nicht zur Wehr setzte und es einfach geschehen ließ. Ijo nahm lachend die Hand seines Kampfgefährten und führte ihn aus dem Haus. Der Hochelf war zu perplex, zu sehr in Gedanken und Erinnerungen versunken, um irgendetwas anderes zu machen, als hinter seinem Freund herzutrotten.

Der Silberne Mond... dann hatte er also tatsächlich Recht gehabt und es war keine Einbildung gewesen... damals... Umso wichtiger war es, sich an das zu halten, was er damals erfahren hatte... Umso wichtiger war es, dass ihn niemals wieder eine Frau so berührte... Die Kälte... er hatte auch jetzt, bei dem Kuss nichts davon gespürt. Wo war die Kälte? Durfte er...? Nein. Er konnte sich noch ganz genau an den Wortlaut erinnern. Es war ihm verboten.

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